Mittwoch, 24. Februar 2016

Dann doch Limoncello!

Meine Kamera hat ihren Geist aufgegeben, die Reparatur lohnt nicht, einfach zu viele Bilder haben sie während fast fünf Jahren Dauergebrauch verlassen, das wars. Aber sie war gnädig mit mir und hat noch die Kreuzfahrt volle Länge durchgestanden. Seit Sonntag Abend bin ich also wieder da und schön langsam auch mit allen Fasern, das merke ich beim arbeiten. Es macht wieder Freude in meine Praxis zu gehen, Sonne getankt auf Vorrat. Winter ade, inzwischen auch hier.



Von einem meiner Lieblingsziele gleich mal ein paar Fotos zum träumen und Seele baumeln. Madeira, auch im Winter grün und voller Blüten. Könnte mensch sich über die Augen ernähren, hier müsste niemand hungern. Dem Gemüt genügen ein paar Stunden und schon ist der winterliche Hunger nach Licht und Farben gedämpft! Die Wirkung hält, besonders auch, weil der Frühling in unseren Breiten dieses Jahr schon mächtig vorwärts drängt...



Faszinierend auch die Erfahrung in einem schwimmenden Kasten mit annähernd der gleichen Bewohnerzahl wie das Dorf in dem ich lebe. Hier kann man studieren, wie das Gesetz der Resonanz wirkt. Raucher sind mit Rauchern zusammen. Im Casino sitzen jeden Abend die gleichen Amerikaner (kein Vorurteil, es war so) auf den gleichen Plätzen beim Black Jack. Wer Pasta und Pommes mag versammelt sich im großen Speisesaal und die Feinspitze dinieren in den Abendrestaurants, auch zu Mittag. Franzosen findet man selten unter den Pizzavernichtern. Und so unglaublich das klingen mag, wer alleine sein möchte findet genügend schöne ruhige Plätze, auch in den öffentlichen Bereichen. Besonders interessant die Tischgesellschaft. Menschen, die man anders nie kennengelernt hätte, weil sie in anderen Kreisen verkehren. Für etwas mehr als eine Stunde am Tag erfährt man Geschichten, staunt, hat Spaß oder wird nachdenklich und geht wieder auseinander. Oder trifft sich in einer Bar, weil man noch ein wenig zusammensein mag. Ein Wirt, ein Koch, ein Pflasterer, eine Krankenschwester, ein Disponent, eine Geschäftsfrau, ein Geschäftsmann. Und plötzlich ist da echtes Leben, nicht nur oberflächliches Geplänkel am Tisch.


     Blüten gehören zum Mexikanischen Korallenbaum (Erythrina americana), darüber eine Palme

Mein Tischnachbar beobachtete wie ein Sarg aus dem Schiff gebracht und in einem Leichenwagen verstaut wurde. Bei jeder Kreuzfahrt würde jemand sterben, sagt er. Seine Gedanken gehen in die Tiefe, er denkt an die Jahre, die vor ihm liegen. Hier in diesen paar Tagen, in denen er zum Luft schöpfen kommt, weil plötzlich Zeit zum nachdenken ist. Der Urlaub dieses Jahres bald vorbei und dann wieder durch den Alltag hecheln, mit einigen Angestellten kann man nicht mal eben so weg. Kein schlechtes Ende, fand er, die Kreuzfahrt als letzte Reise. Wieder zuhause schrieb er, dass er nun landkrank sei. Kann ich definitiv nachvollziehen...



In Genua konnten wir die Arbeiten bei der Verschrottung der Costa Concordia beobachten, die spektakulärste Havarie nach der Titanic. Eines Abends kommt das Tischgespräch auf die Umstände des Unglücks. Er würde seine eigene Haut zu retten versuchen, mit allen Mitteln, er hätte sich auch schon überlegt wie er das anstellen würde. Frauen und Kinder wären ihm egal und er könne den Kapitän des Unglücksschiffes gut verstehen meint unser Pflasterer, ein starker Kerl. Schweigen am Tisch, was soll man dazu noch sagen. Seine Frau, die Krankenschwester, sitzt daneben und macht ein Gesicht, als hätte sie schon vor geraumer Zeit innerlich gekündigt. Schick ihn in die Wüste denke ich, ihr Blick hängt irgendwo in der Ferne.



Was die einen mögen stört die anderen und umgekehrt. Es ist wie eine Dorfgemeinschaft durch eine große Linse hindurch betrachtet. Die Italiener und Spanier verbreiten Stimmung. Mamma mia! und Madonna! Geschrei, alles wird kommentiert und die Kinder liebevoll zurückgepfiffen. Oma und Opa oder Onkel und Tanten immer im Schlepptau. Japaner sind besonders eifrig beim quizzen und natürlich auch die Deutschen. Kommt man zur Jausenzeit ins Buffetrestaurant hört man die verschiedenen österreichischen Dialekte bei Kuchen und Kaffee. In der Tanzbar versammeln sich bei bestimmten Liedern wie auf Kommando Italienerinnen jeden Alters zum Linedance, zu fortgeschrittener Stunde, versteht sich. Die können das alle. Es macht Spaß ihnen zuzusehen. Und die Taxitänzer sind begehrt...


 Die großen orangeroten Blüten gehören zum Afrikanischen Tulpenbaum (Spathodea campanulata)

Es klingt ein wenig nach Stereotypen, aber es ist schon was dran. Ich mag es diese Unterschiede an Temperamenten und Gewohnheiten zu beobachten. Inspirierend und schön zu sehen, wie unterschiedlich Menschen und Gruppen sich auszudrücken vermögen. Und doch sind wir nicht so verschieden voneinander, wie es den Anschein haben mag. Wir alle haben unsere Träume und Wünsche, gehen unserer Arbeit nach und suchen die Entspannung. Brauchen Gesellschaft und vertraute Menschen um uns. Wollen angenommen und geliebt werden. Wollen Sinn finden, uns selbst in der Welt erfahren, in ihr einen Platz haben.


     schön verlegtes Marmor- oder Basaltpflaster. Ausbersserungsarbeiten sind reine Handarbeit

Möglichkeiten sich abzulenken gibt es genug. Animateure tun ihr Bestes. Andere zu beobachten scheint eines der Hauptbeschäftigungen von vielen zu sein. Macht zweifellos Spaß, auch mir. Dann aber wieder auf dem Balkon, in ein Buch kippen, ab und zu aufschauen, das Meer sehen und die Zeit vergessen. Durch Raum und Zeit gondeln. Für eine Woche nach Madeira wäre auch eine Option gewesen. So auf dem Meer unterwegs zu sein, immer wieder anzukommen und bald wieder aufzubrechen hat aber was Magisches. Reisen als Selbstzweck. In aller Stille oder im größten Trubel die Erkenntnis, dass zuhause immer dort ist wo ich bin. Es ist in mir. So nehme ich es auch bei anderen wahr, jeder macht seine ganz eigene Reise und ist doch an demselben Ort. 
Man trifft sich des Abends und hört staunend die Geschichten. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Ein kleines Universum, unser Schiff, in dem die Sterne kreisen...



Den kritischen und aufmerksamen Reisenden brennen Fragen auf der Zunge. Man beobachtet und spricht mit den Menschen, denen wir unsere schöne Zeit hier verdanken. Wir sprechen mit Kellnern und Zimmermädchen und Putzpersonal. Wir sprechen auch immer wieder mit Reisenden, die anspruchsvoll und überkritisch klagen, vermeintlich nicht das bekommen zu haben, was sie verdient hätten. Es ist wie sonst überall auch, nur hier wie unter einem Vergrößerungsglas. Wir stoßen an die Kernfragen des Lebens. Warum gibt es so große Unterschiede in den Aufgaben und Lebensweisen auf unserer Erde?! Die Antworten werden nicht auf dem Silbertablett serviert, wir müssen sie suchen, sie sind nicht schwarz/weiß und nicht einfach oder gar nicht zu finden. 
Ein Kellner erzählt uns wie schön Bali, seine Heimat sei, wir sollten mal dahin. Auf die Frage, warum er dann hier im Mittelmeer herumschippert, lacht er: Money! Wir geben gerne Trinkgeld, wir sehen ja, wie hart diese jungen Menschen aus fernen Ländern arbeiten, um sich ein besseres Leben oder eine Karriere aufzubauen. Manche haben Heimweh, man sieht es deutlich, andere wieder lachen unbekümmert. "Mein Knie tat mir weh, heute geht es schon wieder", er lacht und freut sich, dass wir seine Abwesenheit bemerkt haben.


                                               alle Fotos: Funchal/Madeira

Wir laufen aus, nach dem Abendessen spielt in einer der Bars ein italienisches Duo alle meine Lieblingslieder, ohne dass ich etwas dafür tun muss. Ich freue mich, die so sympathische Sängerin freut sich, dass wir uns freuen. Freude: DER Kitt zwischen Menschen. Ich sehe sie noch vor mir, ihr hübsches Gesicht mit den ungezähmten roten Locken. Kein Foto von ihr und doch ist sie mir geblieben. 
Mein Tischnachbar lotst mich zum Roulettetisch, ich hätte ihm Glück gebracht und soll noch mal mit. Leider bin ich keine Spielernatur, aber dem Limoncello kann ich nicht widerstehen. Das Kilo mehr auf der Waage (und meinen Rippen) geht sicher auf Kosten dieser zitronigen Leckerei. 

     

Kommentare:

  1. Liebe Elisabeth,
    danke für diesen wunderschönen Post!
    Limoncello, dem könnte ich auch nur schwer widerstehen *schmunzel*
    Ich wünsch Dir einen wunderschönen und glücklichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße ,Claudia ♥

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  2. Liebe Elisabeth
    wie interessant dein Urlaub auf Madeira wunderschöne Fotos hast du mit gebracht. Eine andere Welt .. das ist toll!
    Lieben Gruss Elke

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  3. Hallo Elisabeth, du warst also auch. Und du hast recht - das Beobachten ist das Schönste. Ich könnte ein Buch schreiben. Über die Anspruchshaltung mancher Menschen habe ich auch schwer gestaunt, vermutlich sind es die, die eine absolute Restpostenbilliginnenkabine gebucht haben und zu Hause im Dienst ducken dürfen. Ich habe das schon oft erlebt. Irgendwo muss man seinen Frust ja loswerden. Zwei Bücher habe ich nun gelesen, ich muss mal drüber schreiben. Der eine ist ein Lektor, und er fährt definitiv nie mehr.

    Sigrun

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  4. Du hast so schön erzählt. Danke für die Fotos, für den Text.
    Heute scheint hier der Frühling eine Pause zu machen, es schneit. So viel wie den ganzen Winter nicht. Na ja, es ist abzusehen wie lang das noch so geht.
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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  5. Hallo Elisabeth,
    deine Madeira-Bilder sind so toll, dass ich liebend gern noch einmal im Winter hinfahren würde. Wir waren im Sommer da, auch schön, aber auch heißer. Gut zu wissen, dass die Blüten auch im Winter da sind. ;-)
    VG
    Elke

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  6. Liebe Elisabeth, mit Freude habe ich gerade deinen Urlaubspost gelesen und mich daran erinnert, daß ich auch wundervolle Urlaube auf dem Meer verbracht habe! Allerdings waren nicht annähernd so viele - insgesamt 16! - Personen zum beobachten dabei ;) Mich schreckt das allerdings ab, mit so vielen Unbekannten mindestens eine Woche zusammen zu sein. Bei dir liest es sich aber so schön, daß man sich das vielleicht doch mal überdenken sollte.

    Und den Urlaubstipp mit BALI kann ich nur unterstreichen :)

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende wünscht dir *Hanne*

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  7. Schön hast du das Leben auf dem Schiff beschrieben, liebstige Elisabeth ... und die Gedanken, die dir dabei gekommen sind! Stimmt, es ist wie eine Dorfgemeinschaft... Auch uns sind seinerzeit auf der Mittelmeerkreuzfahrt die verschiedenen Länder-Menschen-Typen untergekommen; nicht immer waren die Gedanken, die sich dabei aufgedrängt haben, positiv (vor allem, wenn ich an manche gierige, verschwenderische Buffetaktion denke)... Übrigens komme auch ich gerade aus einer Art Mikrokosmos zurück; eine Almhütte, in die 12 Menschen passen. Manchmal waren wir nur zu sechst, das empfand ich als gemütlich. Sobald wir mehr wurden, war ich eher auf Rückzug gepolt. Mehr darüber und über andere Dinge, die mir derzeit durch den Kopf gehen, hoffentlich demnächst beim Bärlauchpflücken :o)
    DANKE fürs Verlinken deines Jackerlpostings bei ANL!
    Hab noch einen schönen Restsonntag und eine angenehme neue Woche!
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    Herzliche Rostrosengrüße
    von der Traude
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