Samstag, 1. Februar 2014

Plädoyer für das Weibliche / 6

Jenseits der 40

Gestern nach einem Friseurbesuch, bei dem gerade mal ein Zentimeter meiner Haare abgeschnitten und sie nett geföhnt wurden, höre ich von einer knapp jüngeren Frau folgenden Satz: "Warst du beim Friseur?, siehst 10 Jahre jünger aus". Was zunächst runter rinnt wie Öl, weil offensichtlich als Kompliment gedacht, fühlt sich ein wenig später schal an und mit weiterem Nachdenken darüber keimt leichte Wut auf. Ich muss nicht jünger aussehen als ich bin, warum eigentlich! Das bedeutet doch, dass älter aussehen nicht positiv bewertet wird. Damit geht ein abwerten einer ganzen Gruppe von Menschen einher. Zeig mir eine Frau jenseits der 40, die nicht Stress hat, wenn sie in den Spiegel schaut. In einer Welt, die unglaublich stark auf äußerliche Kriterien Dorian Grey-mäßig fixiert fast nichts anderes wahrnimmt, braucht es eine große Portion Selbstbewusstsein (und das meine ich wörtlich), sich von dieser Massenhysterie abzukoppeln.



Wichtig finde ich aber genau das in jedem Fall. Eine Frau (und auch ein Mann) kann nur dann von innen her strahlen, wenn auch Energie in Selbstliebe, Selbstakzeptanz und echten Selbstwert fließt. Wenn wir freudig altern, mit allem, was das eben so mit sich bringt.

In meiner Familie ist frühes Ergrauen der Haare von allen Seiten Programm. Ich gab also mit knapp 40 auf und trage seither ziemlich hellgraues Haar. Ich kenne meine Altvorderen alle so und liebte ihre Ruhe, ihren Humor und ihre Zuwendung gerade in dieser Lebensphase am meisten. So gesehen sind graue Haare für mich positiv besetzt. Wenn Freundinnen und Friseurinnen mich (früher, jetzt nicht mehr) davon zu überzeugen versuchten doch Farbe zu probieren, konnte ich ohne Selbstwertverlust locker nein sagen, weil dieses Thema für mich positiv besetzt war. Mit anderen Seiten meines Äußeren geht das nicht so leicht und ich kämpfe immer wieder mit mir. Es muss doch möglich sein (mir selbst) zu zeigen, dass mein Leben mit meinem Aussehen verbunden ist und mein Körper ausdrücken darf, welchen Weg er bisher gegangen ist. Erfahrungen, Enttäuschungen, Verletzungen, Freude und Liebe. All das macht mich reich und jedes Jahr kommt Neues dazu. Ich drücke all das aus, nicht nur mit Worten, sondern mit meinem ganzen Da-sein.
 
Kann es möglich sein, dass wir die Kurve kratzen und eines Tages neugierig sind auf das Leben, die Erinnerungen, die Blessuren und Narben und stolz zeigen, wer wir sind? Anti Aging dann ein Wort ist das alle belächeln, denn wer will wirklich dagegen sein älter zu werden! Ich nicht, Leute!

Hier sind die früheren Folgen dieser Serie nachzulesen.


  
  

Kommentare:

  1. ... du sprichst mir aus der seele!
    guten morgen liebe elisabeth,
    sa kann ich ja gar nicht mehr viel hinzufügen.... wenn ich mir die heutigen (jüngeren und solche sie es ein wollen) frauen anschaue, empfinde ich sie als sooo künstlich...so hart gestylt,make up kiloweise, augen dunkel eingerahmt...alles (weibliche) ist versteckt. und das benehmen, die ansichten das verhalten ist genauso!... und was mir noch auffällt: sie schauen alle gleich aus
    (du verstehst mich). da bin ich gerne weit jenseits der 40 aber dafür lebensbejahend, lebensfroh und fröhlich. mit all meinen ecken und kanten! ich war soeben auf traudes blog - ihr post sagt ja auch schon alles. ihr 2 seid super !
    ich wünsche dir ein schönes wochenende und sende dir herzliche grüße
    margit

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  2. Ein tolles Thema und ich schlag mich sogleich an Deine Seite. Du hast völlig recht, man braucht sich nicht zu verstecken hinter den gelebten Jahren. Je gleichmäßiger und ebener ein Gesicht, desto uninteressanter scheint es mir und jedes graue Haar an Dir finde ich liebenswert.
    Ich denke es ist ein Lernprozess welcher alles beinhaltet. Die Akzeptanz geht mit der Selbstliebe einher; in jüngeren Jahren wollte frau gern noch etwas anderes sein und projizierte die Liebe eher nach außen. Alles hat seine Zeiten ...
    Sich ungeschminkt zeigen zu können, das haben wir nicht gelernt. Zum Glück ist es ja nie zu spät damit anzufangen. Du machst es gut !
    Herzliche Grüße zu Dir
    von Joona

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  3. Leben das im Alter sich bemerkbar macht ist total normal und ich habe auch meine Grauen Ecken und ich habe schon Jahre nicht mehr meine Haare getönt für was auch.. ich bin so und zeige es auch so..
    Dieses Wettrennen wer die schönste und geschminkste, stylste Frau ist habe ich in den Grossststädten gesehen ich sag nur furchtbar .. ich bin glücklicher und zu friedener dieses nicht mit zu machen und so bleibt es auch. Stimme dir zu was du schreibst ich bin stolz auf mein Alter ohne schminke ohne das künstliche sein!

    Lieben Gruss Elke

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  4. Liebe Elisabeth,
    ein guter Post. Vor drei Jahren entschied ich mich mit 45 Jahren meine Haare nicht mehr zu färben. Ich war sozusagen "färbungsmüde". Denn auch ich bekam die ersten schon mit 20 Jahren. Ein wenig Mut musste ich tatsächlich aufbringen, denn ich kenne Frauen mit über 60 die sich die Haare färben weil sie nicht alt aussehen möchten. Sehe ich dann auch alt aus? Meine Friseurin half mir meine sonst schwarzen Haare mit aufgehellten Strähnen nach und nach zu meinem eigenen "hellen" Haaren hinzubringen. Ein flotter kurzer Schnitt und fertig. Ich habe durchwegs positives hören dürfen über meine Wandlung.
    Und es ist so...in den letzten Jahren öffnete ich mich bewusst für meine Selbstliebe und nach und nach wollte ich mich "Ganz" sein. Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein sind Geschenke davon.

    Herzliche Grüessli
    Julia

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  5. Ja, so ein Kompliment scheint erst mal nett, bis frau die andere Ebene entdeckt. Gerade gestern sah ich in einer Talkschow die Journalistin Bascha Mika, die darauf hinwies, das Männern das Altern zugute gehalten, den Frauen aber quasi vorgeworfen wird. Echt, es lohnt sich wirklich genauer hinzuschauen, was wir als Frauen gesellschaftlich leben sollen – manchmal sind das Vorgaben, die in sich fast schizophren daherkommen. Um mich an andere Frauenwirklichkeiten zu erinnern und weibliche Ukraft zu tanken, lese ich hin und wieder in dem Klassiker "Die Wolfsfrau" von Clarissa Pinkola-Estés. Da ist auch ein schönes Kapitel über "Körperglück" drin (wie fühle ICH mich in meinem Körper, vibriert er vor Lebenslust - egal in welchem Alter?).
    Danke, für deine schöne Reihe "Plädoyer für das Weibliche", sie regt zum Nachdenken an, Petra

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  6. :-) fragte der Sohn die Mama am 54. Geburtstag - und - wie fühlt man sich mit 54?
    Na wie immer sagt sie - wie 30

    Ich musste wirklich lachen - die meinte das ernst und fühlt sich immer noch jung und hat kein Problem mit ihrem Alter. Falten hin oder her - es kommt drauf an, wie man lebt. Ich bin um jeden Tag dankbar, an dem ich mich bewegen kann und das Leben geniessen darf - egal, wie alt ich dabei bin.
    Wir müssen doch nichts mehr beweisen - das ist eine große Freiheit.
    Viele Grüße von Renate

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  7. ich schick dir eine ganz dicke fette umärmelung.... :-)))

    nora

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  8. Mein liebes Silvergirl,
    also zunächst einmal schließe ich mich der Nora mit der dicken fetten Umärmelung an. Und außerdem hätte ich dir zu deinem Posting und zu dem Satz, der runter wie Öl geht (und der mich übrigens stark an die Komplimente erinnert hat, die ich dank unseres Modeshootings erhalten habe) soooooooooo viel mitzuteilen. Was es in mir ausgelöst hat, welche Aussage meines Gynäkologen mir dazu einfiel undundund. Und natürlich musste ich auch wieder an "unser Projekt" denken... Ich glaube, sobald es zeitmäßig passt, werden wir uns mal zusammenhocken und da genauer drüber reden, weil ich glaube, das ist etwas, das wirklich sein muss :o)
    Allerliebste Rostrosenbusserl von der Traude (die sich aber bitte übrigens trotzdem drüber freut, dass du sie mit deinen Fotos so "jung und spritzig" hast aussehen lassen. Vorläufiges Fazit: Es ist nicht schlimm, so alt auszusehen, wie man ist. Aber es ist durchaus okay, auch mal jünger auszusehen und frischer zu wirken. Weil das ja irgendwie auch bedeutet, dass man (oder frau) sich wohlfühlt in ihrer Haut - und das zeigt sich halt auch nach außen! Ja, und ich töne mir über meine paar wenigen weißen Haare übrigens drüber - denn ich hab lang genug unter den roten Haaren gelitten, jetzt freu ich mich drüber, und jetzt sollen sie gefälligst auch ROT SEIN!!! ;o)))) Wir werden also vermutlich von zum Teil ähnlichen, zum Teil anderen Gesichtspunkten rangehen an die Sache, aber das macht's ja umso spannender! Übrigens freut es mich, durch den Kommentar von Pepe wieder an "Die Wolfsfrau" von Clarissa Pinkola-Estés erinnert worden zu sein, die habe ich auch in meinem Regal stehen, aber es ist schon lange her, dass ich das Buch gelesen hab...
    Ich hoffe, du bist nicht mehr verkühlt!
    Einen schönen Rest-Sonntag noch und eine feine nächste Woche
    wünscht dir die Traude, die dir außerdem dicke Bussln schickt!
    ♥: ♥: ♥: ♥: ♥: ♥: ♥: ♥: ♥: ♥: ♥: ♥: ♥: ♥: ♥:

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  9. Nun werde ich mich mal richtig "einlesen" hier.
    Für mich bedeutet das Älterwerden, dass mir zahlreiche neue Rechte zuwachsen, z.B. darf ich faul sein, darf ich in Ruhe gelassen werden wollen, mir keinen Stress mehr machen, das Gute suchen, z.B. wenn ich Lust habe, Holz hacken oder Krikelkrakel zeichnen oder....unendliche Möglichkeiten...

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