Sonntag, 16. Oktober 2011

Ganz normaler Jugendstil

Wir stellen das Auto ab, wunderbar, wir haben sofort einen Parkplatz gefunden. Vier Frauen unterwegs zu einem Workshop in Wien. Gerade als ich aus dem Auto steige, öffnet sich die Haustüre neben mir und schon ist sie da: Die eher seltene Gelegenheit, in einen Hausflur hineinzusehen. Ich bin da wie die sprichwörtlichen Geier. Immer auf dem Sprung, etwas *Neues* zu entdecken. Neues im Sinne von *für mich neu*. Und ja, ich habe die kleine Kompaktkamera dabei! (Ohne sie gehe ich eigentlich kaum mehr aus dem Haus).

Wien erfuhr seine städtebauliche Hochzeit vor mehr als 100 Jahren in der sogenannten Gründerzeit. Viele Menschen zieht es damals aus den Kronländern der Monarchie in die Hauptstadt, der Bedarf an Mietwohnungen ist enorm groß und es wird gebaut, was das Zeug hält. Innerhalb weniger Jahrzehnte gibt es eine Fülle an unterschiedlichen Umsetzungen von architektonischen Ideen, einige Architekten machen sich einen großen Namen um die Jahrhundertwende.




Ein bisschen musste ich ausholen, um verständlich zu machen, warum ich immer wieder begeistert Entdeckungen in der Stadt machen kann. Man kommt irgendwo aus Zufall hin und schon stolpert man über ein Kleinod. Was mich besonders fasziniert ist, dass Vieles seit mehr als hundert Jahren erhalten ist, nicht nur Häuser, sondern Bodenfliesen, Stuck, Holztüren, Glasfenster und schmiedeiserne Treppengeländer. Seit etwa 30 Jahren wird in Wien neben der allgemeinen Stadterweiterung auch auf Stadterneuerung gesetzt. Renovieren ist das Geheimnis eines lebendigen Großstadtlebens. Schließlich mussten Substandardwohnungen (kein Wasser und keine sanitären Anlagen innerhalb der einzelnen Wohnungen im Mietshaus) auf die modernen Wohnbedürfnisse umgebaut werden.



Das Besondere und gleichzeitig Alltägliche in der Steingasse 33-37 im 3. Bezirk (Seitengasse vom Rennweg) ist, dass auf beiden Seiten der Straße nebeneinander mehrere gleiche Häuser stehen, die leichte Variationen im Zierrat z.B. im Stuck, oder in den Ornamenten auf den Türen zeigen. Eine gut erhaltene Mietshausgruppe.
Der Architekt dieser Häuser, Carl Stephann hat viele Mietshäuser in seiner vierzigjährigen Karriere gebaut und verschiedene Baustile bedient. Diese Gebäude entstanden 1903 in sezessionistischen Stil, auch als Jugendstil bekannt.



Einerseits Symmetrie am Plafond des Flurs, im Fenster aber ein verspieltes Detail, das aus der Reihe tanzt. Das Blütenmotiv ist eines der beliebten und berühmten Jugenstilmotive in Wien.



Innerhalb dieses Ensembles wird gerade saniert, der Flur wurde neu ausgemalt, der Stuck wahrscheinlich restauriert, die Türe weist noch Löcher auf. Manche der Fassaden sind noch grau, manche Türen grün, andere braun gestrichen. So fällt es erst auf den zweiten Blick auf, dass diese Häuser zusammengehören.



Soviel verspieltes Zierrat mag nicht jedermanns Geschmack entsprechen. Aber allein der Aufwand, den Menschen zur damaligen Zeit betrieben haben, um einfache Wohnhäuser für das Auge schön und abwechslungsreich zu gestalten, fordert Respekt ein. Heute wäre soviel Handarbeit wahrscheinlich unbezahlbar, aber die Liebe zum Detail und zur handwerklichen Perfektion strahlt noch immer aus der längst vergangenen Zeit zu uns, immerhin sind inzwischen zwei Weltkriege durch die Stadt gezogen und Vieles ist auch unwiederbringlich zerstört worden!
Diese Häuser sind mit Sicherheit in keinem Reiseführer zu finden und sind doch so typisch für Wien und so einnehmend in ihrer schlichten Schönheit. 


Kommentare:

  1. Also meinem Geschmack entspricht es auf alle Fälle, da zu wohnen dürfte sehr teuer sein. Wenn diese Eingangstüren restauriert werden müssen, wird das sehr teuer, ich habe das einmal in einer guten Schreinerei gesehen. Sehr schöööne Aufnahmen, wirklich!

    Sigrun

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  2. Liebe Elisabeth,

    diese Haus könnte auch hier in Berlin stehen. Leider findet man so schön restaurierte Mietshäuser nur noch selten.

    Liebe Grüße
    Jutta

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  3. Ach herrliche Bilder - ich freue mich schon auf meinen nächsten Wienbesuch, da werde ich bestimmt auch genauer auf die Fassaden der Häuser achten. In Graz gibt es ebenfalls viele solcher Bauten, wenn auch ein wenig kleiner als in der Hauptstadt, aber dennoch schön, verspielt und abwechslungsreich.

    lg kathrin

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  4. Liebe Elisabeth,
    es ist doch beruhigend zu sehen, dass solche alten baulichen Kunstwerke erhalten bleiben und nicht alles aus Kostengründen der Modernisierung zum Opfer fällt. Mir gefällt der Jugendstil unheimlich gut, habe auch einige alte Möbelstücke aus dieser Zeit. In so einem Haus zu leben, muss schon etwas Besonderes sein. Wie mögen wohl die Wohnungen aussehen? Hach, schwelg...

    Liebe Grüße von Bärbel

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  5. boah!
    ich steh SO SEHR auf diese eingänge, häuser, den jugendstil ja generell und diese bauten sind schlicht und einfach DER baustil für mich!

    lg nora

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