Sonntag, 12. Februar 2012

Plädoyer für das Weibliche / 2

Die singende Nudelköchin

Weniger das Laute, vordergründig Erfolgreiche und Schöne wird in dieser Serie zum Thema gemacht. Immer wieder begegnen mir Frauen, die etwas in mir anstoßen. Ein Foto, wenn möglich und dann beginnt die Assoziationsmaschinerie zu arbeiten. In mir erinnert sich etwas an früher, an unbeschwerte Gefühle, an etwas, was gut war und noch immer ist.

Kürzlich bin ich über nichtsnutzige Influenzaviren hergezogen. Inzwischen ist eine Woche vergangen, in der ich langsam zu Kräften gekommen bin und plötzlich den Wert der Langsamkeit wieder entdeckt habe. Achtsamkeit ist meist zu einem Schlagwort verkommen, nicht durch den Alltag zu rasen ist ein Geschenk, das ich mir nur selbst geben kann.



Bei einem Spaziergang durch die engen Gassen der Altstadt von Bari in Süditalien hörten wir eine Frau singen. Irgendwo drinnen, hinter einem Vorhang, die Wohnungen sind hier winzig, man erweitert den Wohnraum oft notgedrungen auf die Straße. Sie saß da und winkte uns in ihre winzige Küche und Nudelwerkstatt. Ein bisschen beschämt, weil wir so neugierig hineingelugt hatten, zögerten wir ein wenig. Sie freute sich allerdings über Abwechslung und nach einem kurzen Vorstellungsdialog auf Hand/Fuß-Basis erklärte sie uns, dass sie bei der Arbeit immer singe. Während der ganzen Zeit arbeiteten ihre Hände weiter, formten in Windeseile Nudeln auf eine spezielle Weise.

Ich kann mich noch erinnern, meine Mutter manchmal bei der Hausarbeit oder beim Kochen singen gehört zu haben. Da wusste ich als kleines Mädchen, dass die Welt in Ordnung war. Im Einklang mit sich selbst die notwendige Arbeit tun, die immer wiederkehrende, weitgehend unbedankte und oft auch unbemerkte finde ich oft schwer.
Ich liebte Maria, die singende Nudelmacherin dafür, dass sie mir den ruhigen Fluss des Lebens wieder ins Bewusstsein gebracht hatte. Zu lieben, was wir tun. Freude bei der Arbeit kann sich sicher leichter einstellen, wenn wir uns nicht mit zu viel auf einmal eindecken und uns gedanklich schon mit dem übernächsten Projekt beschäftigen, während wir schnell, schnell erledigen, was im Moment ansteht.



Die selbstverständliche Bereitschaft von Frauen notwendige Arbeit zu tun, ohne groß zu fragen was diese einbringt (nämlich oft weder Ansehen noch Geld, nur das gute Gefühl für sich und andere Notwendigkeiten des Alltags erledigt zu haben) könnte hinterfragt werden, aber dann würden tragende Säulen von gut funktionierenden Systemen einbrechen.
Gar nicht oder schlecht bezahlte Arbeit ist noch immer fest in Frauenhand. 

Hier kommt Maria vor den Vorhang, die Freude und Liebe in Nudeln packt. Diejenigen, die das Glück haben, diese zu verspeisen, wissen es wahrscheinlich nicht einmal. Maria´s Nudeln schmecken ganz sicher noch ein bisschen besser und gut möglich, dass manch Eine/r mit einem Lied auf den Lippen vom Tisch aufsteht. Heute ist ein besonders schöner Tag, nicht wahr?

Hier gehts zum ersten Teil dieser Serie.

Kommentare:

  1. Ein toller Post, liebe Elisabeth!
    Dem kann ich nur beipflichten!
    VG
    Elke

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  2. Diese Nudeln hätte ich auch gern verspeist. Von Hand hergestellte Nudeln, die Musik in sich tragen. Ein schöner Beitrag, Elisabeth. Diese "ätzende" Arbeit. Wie oft nervt mich der Abwasch etc etc, doch ein guter Gedanke, ganz bei der Sache zu sein und nicht schon an übernächste Dinge zu denken, die man noch zu erledigen hat.
    LG Heidi

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  3. Liebe Elisabeth,
    sodala, jetzt bin ich auch endlich zum Kommentieren hier (gelesen hab ich dein Posting schon vor Tagen, aber ich gönn's mir ja auch hin und wieder, nicht durch den Alltag zu rasen - da dauert manches dann halt ein bisserl länger ;o))... Dass ich es schön finde, wenn du "ganz alltägliche Frauen" vor den Vorhang holst, die gerade wegen ihrer Alltäglichkeit, ihrem "Zurechtkommen mit dem kleinen Leben" und dem "in die kleinen Dinge Liebe legen" um so vieles besonderer sind als irgendwelche Stars & Berühmtheiten, brauch ich wohl nicht extra erwähnen. Ich erzähl' dir stattdessen lieber, dass mich gerade diese Maria und deine Schilderungen über eure Begegnung an eine andere Begegnung in Italien erinnert hat. Das war irgendwo in einem kleinen toskanischen Hügeldorf, in dem mein Mann, meine noch kleine Tochter und ich herumspazierten, einfach um die Atmosphäre aufzusaugen und ein bisserl zu fotografieren. Und weil bei manch einem Haus Fenster und Türen geöffnet waren, drang auch Musik in die Gassen - und unsere Sprache wiederum in die Häuser. Und so kam es, dass die kleine Jana neugierig in eines der Häuser hineinspähte und gleichzeitig eine alte Dame zur Tür kam, weil sie unser "Wienerisch" erkannt hatte - sie war "seinerzeit" aus Wien ausgewandert und freute sich, unsere Sprache zu hören... Dein Posting hat mich an dieses unbefangene, beiderseits neugierige Kontaktaufnehmen erinnert, auch wenn das jetzt nicht das Hauptthema war... :o)
    Ich drück dich ganz lieb und wünsch dir noch einen schönen Restsonntag!

    (⁀‵⁀,) ✿
    .`⋎´✿✿¸.•°
    ✿¸.
    Herzhafte Küschelbüschel, Traude

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    1. Das sind doch die schönsten Überraschungen, plötzlich entsteht unverhoffte Freude von Herz zu Herz, die einem niemand mehr wegnehmen kann :-)

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  4. so schön fest gehalten... wir hatten einmal eine junge brasilianische kinderaufpass- und putzhilfe, die beim staubsaugen immer ihre chorlieder übte, es war so wohltuend, dass man ihr diesen job nicht zumuten musste, dass sie sich nicht quälte, sondern das beste draus machte.

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