Samstag, 6. August 2011

Mystisches Land?

Seit einer Woche bin ich nun wieder zurück. Dieses Jahr waren es insgesamt drei Wochen, die ich auf meiner Lieblingsinsel verbringen konnte, einmal alleine, einmal mit Mann und Freunden und einmal mit einer Gruppe zum Wandern. Die Eindrücke der letzten Woche wirken nach, hier ein kleiner atmosphärischer Bericht:

Vielleicht mit einem belustigten Lächeln quittiert: Das mystische Irland. Gibt es wahrscheinlich für TräumerInnen und Realitätsflüchtlinge, ein bisschen Goa am Rande Europas. Dort, wo man von der Platte zu stürzen droht, wenn man nicht aufpasst? Nein, das ist lange vorbei. Was geblieben ist: Ein Land, wo die Zeit Schleifen dreht, a different pace.
Schafe, ja. Weiden und dornenberankte Mauern und Regen und sonst nicht viel. Gegend. 
Viel einfach herumliegende Gegend.


Auf Dursey Island, am Ende der Beara Peninsula

Miteinander sind wir unterwegs, eigentlich ohne Regeln, ausgenommen sich vom Abgrund etwas entfernt zu halten vielleicht. Der Rest ensteht wie von selbst. Entspannt Schritte setzen, den eigenen Rhythmus finden. Unaufgeregt und leicht. Komisch, wir gehen miteinander und finden uns in uns Selbst ein, ohne Mühe.




Eine unaufgeräumte Landschaft, extensiv oder gar nicht genützt. 
Nirgends schreit es uns entgegen, du musst noch dies und das. Du musst dorthin oder dahin gelangen, Ziele erreichen, erfolgreich sein. Wir gehen in Landschaften mit viel Platz für das kleine Volk. Ob es das gibt? Für viele Iren noch immer: Ja. Keine Agrarwirtschaft, die das letzte aus jedem Quadratzentimeter Erde herausquetscht. Ausscheidungen der Schafe und Kaninchen wo wir uns setzen. Das Meer, so weit, reicht von hier bis Amerika. Dort herrschen andere Gesetze.



Am Ende angekommen? Irgendwie ja, aber der Blick ankert immer noch wo. Beim Gehen, beim Sitzen. Der Anblick brennt sich in die Festplatte des inneren Auges, wie das Standbild in einen Bildschirm ohne Schoner.
"Schließe die Augen und stelle dir einen Platz vor, wo du dich wohlgefühlt hast", eine Standardübung für Leute, die sich entspannen sollen und nicht können. Ich brauche kein Auge zu schließen, die Bilder sind immer da. 

Mystisches Irland? Die Kraft einer Landschaft, die unbegradigt, gleichmütig, oft gewaschen das Innere nach außen dreht.


Auf dem Gipfel vom Knock Buy, höchster Berg des County Cork

Die Welt liegt ausgebreitet da, meine kleine Welt tut sich auf, weitet sich ein bisschen. Ungewohnt fürs Herz, es tut ein wenig weh, angestrengt von Freude. Dies ist mein liebster Gipfel, hinauf durch das Hochmoor, mitten durch seidig grün-bronzefarbenes Gras. Nach jedem zweiten Schritt ein leicht veränderter Ausblick.



Während Mitteleuropa Ende Juli von einem Adriatief mit heftigem Regen versorgt wird, müssen wir uns hier vor der starken Sonne schützen.

Mystisches Irland. Man kann es nicht erklären, ich kann es nicht erklären, ich kann es fühlen und das genügt. Futter für die rechte Gehirnhälfte, ein wenig Ausgleich zum ewig Rationalen. Auf der anderen Seite Auto fahren hilft auch mit.



Jedes zweite Foto könnte ein Seelenbild werden. Ein Bild als Symbol für etwas, das die Richtung ändert oder beibehält. Das aufrüttelt oder sagt, es ist alles gut. Der Weg geht weiter. Ein freier Ausblick, ein eigener Raum, ein gemeinsamer Raum.

Mystisches Irland. Der Weg führt himmelwärts, hinter der Kurve ist es Erde. Schwarze irische Erde.


Strand von Castle Cove, Beara Peninsula

Was ich vorzeigbar "real" erlebte: Mit ein paar netten Leuten gewandert, gesessen, geschaut. Im Freien gegessen, ein paar Biere getrunken, Auto gefahren, Boot gefahren, Gondel gefahren, Füße oder mehr ins Meer getaucht, gelacht, geweint, umarmt. Gesprochen. Über dies und das, ALLTÄGLICHES. 

Mystisches Irland. Man kann sich nicht entziehen. Es hat uns eingesogen und wieder ausgespuckt.


Steinkreis in Ardgroom, Beara Peninsula

Unsichtbare Kräfte wirken. In diesem Land wird Kontinuität sichtbar, nicht nur fühlbar. Steinerne Zeugen einer lange vergangenen Zeit erwecken Neugier. Was bewegte unsere Ahnen, wie sahen sie die Welt? War Spirit am Werk? Wir staunen, schweigen, mutmaßen, versuchen zu fühlen, versuchen zu verstehen.



Spirit ist auch hier am Werk. Und hier ist es auch aufgeräumt. Man kann sich darauf verlassen. Aus den Zapfhähnen kommt immer etwas. Die Wände gepflastert mit Geldscheinen aus aller Welt. Zurück bei dem, was (man) zählt? 

Mystisches Irland. Es hat in mir zurecht gerückt. Es hat mich satt gemacht. Meine Welt ist ein wenig anders geworden. Wieder einmal.



Aufmerksame LeserInnen von kleine freude werden es vielleicht schon bemerkt haben. Alle Fotos dieses Post sind bei der Wanderwoche mit Markus aufgenommen. Bei Interesse schaut bitte direkt auf seiner Webseite nach: Wanderlust. Fast täglich gibt es hier außerdem Berichte über die Insel. Für die Wanderwoche im September sind noch wenige Plätze frei.


Kommentare:

  1. du schreibst wirklich schön. inspirativ. danke :)

    AntwortenLöschen
  2. Ach, Elisabeth, wie fühltest du dich, als du den Beitrag oben geschrieben hast? Ich denke, du hocktest in Irland, auf dem Boden mit Blick in die Weite, die immer weitergeht, ohne Ende. Irland wirkt nach. Das kann ich nur bestätigen.
    LG heidi

    AntwortenLöschen
  3. Das hat du wieder schön geschrieben - du solltest das professionell machen! Oder machst du vielleicht?

    Ich weiß genau, was du fühlst - weils mir in GB oder der Bretagne genau so geht!

    Sigrun

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...