Freitag, 23. Oktober 2015

Einfach, wenn es gut ist

Erst vor einigen Wochen las ich Arno Gruens Buch: "Dem Leben entfremdet: Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden". Eines der besten Bücher in letzter Zeit. Ich will hier gar nicht auf den Inhalt eingehen, wer sich davon angesprochen fühlt findet im Nu genug Information im Netz. 

Mit Schlägen, Denkverboten und auch Denkgeboten aufgewachsen, beschäftigt mich das Thema Mitgefühl, Selbst- und Nächstenliebe leben zu können schon lange, wie überhaupt Menschen es schaffen können gut miteinander zu leben und auszukommen. Und wo die Ursachen liegen, dass und wenn sie es nicht schaffen, denn da liegt der Schlüssel für Veränderung zum besseren, friedvolleren, liebevolleren Leben miteinander. 

 

Unsere Vorfahren hatten Gewalterfahrungen von zwei Weltkriegen zu verarbeiten, ohne dass ihnen das lange Zeit oder gar nicht zugestanden und ohne dass ihnen geholfen worden war. Persönliche und kollektive traumatische Erfahrungen verschwinden nicht einfach, sie werden in verschiedener Art und Weise an die nächsten Generationen weitergegeben und müssen erst geheilt werden. Das Thema ist leider sehr aktuell und wir sind alle auf die eine oder andere Weise davon betroffen. Es geht auch nicht weg, wenn wir nicht hinschauen. Verstehen kann ein erster Schritt zu Heilung sein und Mitgefühl natürlich. Gewalt kann nie durch gewaltätige Antworten beseitigt werden, auch wenn Menschen sich immer wieder in dieser Strategie versuchen. 

 

Heute in der mittäglichen Nachrichtensendung ein ausufernder minutenlanger Bericht mit Interviews über einen Zusammenstoß eines Reisebusses mit einem LKW in Südfrankreich. Ich drehe nach einigen Minuten ab und frage mich zum wiederholten mal, warum wir uns mit Negativmeldungen zuschütten lassen. Wem hilft das und wer braucht diese Informationen? Was für ein Aufschwung an Prosperität und Veränderung hin zu einer besseren Welt würde es geben, wenn hauptsächlich Nachrichten über gelingende und gute Projekte (von denen es so viele auf der Welt gibt) verbreitet würden und Menschen das Gefühl bekommen, dass sich ihr Leben zum Guten wenden kann und sie Möglichkeiten suchen und finden können sich zu beteiligen und einen wichtigen Platz in der Welt zu haben?! Das ist keine Träumerei, das ist eine klare Absage an alle, die posaunen, dass die Welt nur durch Gier und Wettbewerb am laufen gehalten werden kann. So gut ist sie ja durch diese Strategien nicht geworden...

 

 

Ein kurzer Nachruf zu Arno Gruens Tod aus dem Standard, einer österreichischen Tagszeitung vom 22. Oktober:

Der Psychoanalytiker, Psychologe und Buchautor Arno Gruen ist am Dienstag im Alter von 92 Jahren in Zürich gestorben. Das teilte sein Verlag Klett-Cotta am Mittwoch mit.1923 in Berlin geboren, emigrierte Gruen 1936 mit seiner jüdischen Familie in die USA. Nach dem Studium der Psychologie leitete er ab 1954 die psychologische Abteilung der ersten therapeutischen Kinderklinik in Harlem. Es folgten Professuren in Neurologie und Psychologie.Von 1979 an lebte und praktizierte Gruen in der Schweiz. In seinen zahlreichen Veröffentlichungen beschäftigte er sich mit den psychologischen Ursachen von Gewalt und Fremdenhass, mit den Voraussetzungen für Autoritätsgläubigkeit und Demokratie. Für "Der Fremde in uns" erhielt er im Jahr 2001 den Geschwister-Scholl-Preis.Bis zuletzt befasste sich Gruen mit gesellschaftspolitischen Themen, so in seinem dieses Jahr erschienenen Buch "Wider den Terrorismus", in dem er sich unter anderem mit den Anschlägen in Frankreich auseinandersetzte. Bis vor wenigen Wochen arbeitete er an seinem neuen Buch: "Wider die kalte Vernunft", eine fundamentale Kritik der abstrakten Rationalisierung, soll nach Angaben des Verlags im Jänner 2016 erscheinen.

 

  "Sich auf die eigene Empathie verlassen

Gruen beschreibt unsere Zivilisation als eine, in der Menschlichkeit schwer überdauert. Überspitzt und düster gesagt: Wir kommen als Menschen auf die Welt und verlernen die Menschlichkeit systematisch. Erziehung besteht genau in diesem Verlust. Darin, dass unsere zutiefst menschlichen Reflexe nicht mehr funktionieren, sondern geregelt und systematisch unterdrückt werden, bis sie vielleicht irgendwann ganz ausgemerzt sind. Zivilisation ist der Weg zur Unmenschlichkeit. Aber Gruen wäre nicht Gruen, wenn er das stehenliesse. Wie geht also Menschsein? Für Gruen ganz einfach: Sich auf seine Empathie verlassen. Auf sein Gefühl. Auf diese Fähigkeit, die alle Menschen in den ersten zwei Lebensjahren haben, nämlich an den Gesichtszügen des Gegenübers zu erkennen, wie es diesem Menschen geht. Und eine Resonanz zu entwickeln."
Aus einem anderen Nachruf für Arno Gruen 



Ich hatte in den letzten Tagen mit einer Bronchitis zu kämpfen, gerade als wir für ein paar Tage ans Meer gefahren waren. Ein paar Tage Sonne, Entspannung und Nachspüren, was wichtig ist. Es tat mir gut ins Wasser zu schauen, am Wasser entlang zu gehen und zu spüren, dass das Leben einfach ist, wenn es gut ist. Ein bisschen mit den schwarz/weiß Einstellungen der Kamera spielen und wie sich herausstellte, passte das zur Nachricht vom Tod eines Menschen, der mich durch seine Worte sehr zu beeindrucken und bewegen vermag...

 

Kommentare:

  1. Liebe Elisabeth, danke für deine Worte zum Tod von Arno Gruen. Er gehört zu meinen "Lebenslehrern", wenn ich das so sagen darf. Danke auch für die Ausschnitte aus den Nachrufen, die zeigen, wie anders er die Welt betrachten konnte, was für mich Balsam war.
    Aus einem Interview mit ihm, das gestern in "Kulturzeit" noch mal wiederholt wurde, blieb bei mir folgender Satz hängen: "Kreativität ist wichtiger als Gehorsam." Ja, denn sie hat nichts mit Macht, Herrschaft und Konkurrenz zu tun, sondern mit dem Schaffen neuer Wege und Möglichkeiten.
    Ganz liebe Grüße Petra

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  2. Elisabeth, gestern Abend haben wir zweimal umgeschaltet, weil ich diese Bilder im Fernsehen nicht sehen wollte. Nachrichten sind immer nur negativ, es kommt selten was Positives. Und da wir nichts daran ändern können, brauchen wir sie auch nicht anzuschauen. Ich lese gerade einen Erziehungsratgeber von Wunsch (meine Tochter meinte, es wäre zu spät dafür *kicher*), das ist auch unglaublich interessant, es geht nicht nur um Kinder, sondern auch um die Gesellschaft. Sehr erhellend, da kann einem ein wenig Angst werden.

    Sigrun

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  3. Hallo Elisabeth,
    du hast absolut recht. Ich schaue nur ungern die Nachrichten, weil ich mir nicht immer die Laune verderben lassen möchte. Selbst manche Naturdokus kann ich nicht mehr ertragen, wenn es dort am Ende ums Aussterben von diesem und jenem Tier geht. Ändern kann ich in den fernen Ländern sowieso nichts, da sehe ich lieber zu, dass mein Garten lebendig ist.
    VG
    Elke

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  4. Liebe Elisabeth, danke für deinen inspirierenden Post, deine Gedanken kann ich alle gut nachvollziehen. Auch deine Fotos passen super zum Beitrag!

    LG Nina

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  5. Liebe Elisabeth,
    ich muss gestehen, dass mir Arno Grün bisher nicht bekannt war. ALs ich meinem Sohn von dessen Tod berichtete, war er doch erschrocken. Er hat viele Bücher dieses beeindruckenden Menschen. Mein Sohn ist verwundert, dass man in unseren Medien nicht über Arno Grün berichtet hat. -
    Der Nachruf geht zu Herzen - der Inhalt ist doch so leicht nachzuvollziehen. Was bringt die Menschen dazu, so anders zu handeln? - Ich werde in die Bibliothek meines Sohnes zugreifen.
    Statt dessen werden wir mit Nachrichten zugeschüttet, die nun wirklich kein Mensch wissen will.
    Oder doch: Von der Anti-T-Tipp Bewegung neulich in Berlin wurde nur am Rande berichtet, obwohl über 200.000 Menschen auf die Straße gingen. - die besorgten Bürger wurden immer wieder gezeigt, sogar in Spezialsendungen. - Gesteuerte Medienberichterstattung.
    LG Heidi

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  6. Liebstige Elisabeth,
    ich bin absolut bei dir, was das Verweigern von Sich-zumüllen-lassen mit Negativ-Meldungen durch die Medien betrifft. Deshalb schaue ich mir keine Nachrichten mehr an und lese keine Tageszeitung. Was nicht bedeutet, dass ich uninformiert bleibe. Manches will ich gar nicht wissen, und was ich wissen will oder soll, das erfahre ich auch. Wobei ich durchaus glaube, dass Information - auch über die Dinge, die nicht so super laufen - nicht schaden kann, aber es kommt auf das WIE an. Sensationsgeilheit und Panikmache kann ich nciht brauchen. Ich schreibe jetzt schon seit einiger Zeit an Fortsetzungen zu meinem Fair-Play-Thema, da ist auch nicht nur die heile Welt dran, aber ich hoffe, dass ich damit zum Nachdenken, Querdenken, Aktiv werden animieren kann... Die Artikel kommen aber erst im November raus. Jetzt ist noch a bisserl Mode und Irland dran... ;o)) Freut mich übrigens sehr, dass du gerne bei mir " mitreist" und dich dabei ein bisschen wie "zuhause" fühlst :o)
    Noch kurz zu Arno Grün, den ich nur vom Namen her kannte - was für ein erfülltes, reiches Leben, wenn man noch mit 92 an weisen Büchern arbeiten kann, die Menschen bewegen!
    Fühl dich herzlich gedrückt
    von der Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2015/10/und-noch-ein-deutsch-osterreichisches.html

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  7. Liebe Elisabeth
    *als Menschen auf die Welt und verlernen die Menschlichkeit systematisch*
    da kann ich nur still nicken wenn ich um mich schaue beobachte und Höre beim vorbei gehen spüre wie das so ist und mich macht es was traurig in diesem MOment.. ich laufe am Strand die Möwen singen ihr Lied mit dem Wasser und plötzlich ein furchtbarer Ton in meinen Kopf dass es schon weh tut von einer telefonierende Frau die schreit förmlich und flucht oder mitten auf dem Markt ich schaue verliebt auf das was die Bauern an preisen und ein schreiender Mann schreit siene Frau an du interessierst dich nicht für mich zweimal dreimal .. es ist keine Ruhe mehr überall entfachter Kampf von Streit.. die Welt ist so unzufrieden ...Rücksicht kennen so wenige.. viele KInder verrohen durch die vielen Meldungen was die Eltern an schauen dun hören...
    ich habe es mit bekommen von dem Tod aber ich kenne ihn nicht das werde ich mal ändern.. und immer wieder finde anregungen so wie mit diesem Mann und seine Ansicht und Erfahrungswerte!
    Ich möchte auch selbst nicht ständig berieselt werden von der Gewalt was auf der Welt passiert und das fünffach am Tage oder noch mehr.. so gehe ich meinen Weg um das zu lernen wie still es ist um meine Gedanken zu hören wenn ich draussen probiere abzuschalten bei mir zu sein...
    Es war wieder für ein bewusstes zu hören der Klang der Worte die mich berührten zu sagen zu mir aufpassen lass dich nicht mehr ein auf diesen Sog der Medien und den Menschen die das alles mit machen und nichts bemerken!
    Ich hoffe dir gehts wieder gut!
    Lieben Gruss Elke

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  8. Liebe Erzsi, ich habe das von dir zitierte Buch im Sommer gelesen und es macht mich traurig, wieder einen "Wegweiser" verloren zu haben. "Zivilisation ist Kooperation, nicht Konkurrenz" - ich wünschte, seine Erkenntnis würde in allen Familien, Schulen, Firmenetagen umgesetzt werden.
    LG Gerda

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  9. Ein sehr anregender und wertschätzender Post ! Danke Anke ;-) Zu Vorfahren und Gewalterfahrung kann ich dir auch die Bücher von Sabine Bode empfehlen, falls du die noch nicht kennen solltest.

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    1. Danke ja! Ihre Bücher waren mein Einstieg in diese Thematik, ich kann sie nur jedem empfehlen, der Interesse an großeren Zusammenhängen bei der Bearbeitung von zwischenmenschlichen Herausforderungen hat!

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