Kilometer in den Süden
Irgendwann nach einigen längeren Fahrten mit dem Auto tauchte die Frage auf, wie es wäre Gegenden in Europa kennenzulernen, die etwa 1000 Autokilometer von Wien entfernt sind, Vielfalt zu erfahren, Geschichten zu sammeln und Lebenswelten und so einen Kreis in alle Himmelrichtungen zu zeichnen.
Nun so einfach ist das natürlich nicht, so sehr mich ein solches Projekt faszinieren würde. Ich bin keine Journalistin und werde nicht für solche Jobs bezahlt. Sagt mein Verstand. In nächsten Moment schon beginnen wir mit der Maus auf Reisen zu gehen, im Computer sind solche Zahlen gut aufgehoben und dieser weiß immer mindestens ein Ziel.
Nach Deruta, einem kleinen Ort in Umbrien kamen wir aus anderen Gründen, aber wie so oft in meinem Leben nehmen interessante Wendungen genau die Richtung, die ich mit langem suchen auch nicht besser gefunden hätte.
Keramik, Majolika, Porzellan begeisterte mich schon als Schülerin. In Ungarn, wo wir jedes Jahr den Sommer verlebten, besuchten wir einige der Manufakturen, in denen Porzellan noch mit der Hand bemalt wurde (und wird) und dementsprechend viel kostete. Von meinem ersten selbstverdienten Geld kaufte ich mir als 16-Jährige ein Schüsselchen von Herend Porzellan.
So, nun waren wir also in Deruta gelandet, ziemlich genau in der Mitte Italiens. Es regnete heftig, als ich dieses Gebäude beim vorbeifahren entdeckte. Ich spürte sofort, hier war etwas, das wert war entdeckt zu werden. Wir standen vor der ältesten Majolikamanufaktur der Welt, wie sich wenig später herausstellte!
Die Herstellung von Majoliken hat in Deruta eine seit dem 12. Jahrhundert ununterbrochen weitergeführte Tradition. Hier ist es die Familie Grazia, die seit 1500 fortlaufend diese spezielle Art der Keramik herstellt. Welch eine Kontinuität und welch eine durch viele Generationen weitergeführte Leistung! Welch ein spezialisierte Wissen muss da vorhanden sein!
Die Verkaufleiterin Frau Fringuelli erklärt uns den gesamten Prozess vom rohen Ton zum fertigen Stück, wir dürfen überall zuschauen. Ich bin im Keramikhimmel!
Zuerst wird der Ton in die gewünschte Form gebracht und anschließend in einem ersten Brand bei 1050°C für die Bemalung vorbereitet. Nach einem Bad in einer Art Vorglasur und das übertragen der Muster auf die Stücke geht es ans bemalen. Klar, dass im Laufe der Jahrhunderte viel in der Technik verfeinert werden konnte!
Berge von Gussformen, zum trocknen gestapelte Teller, Schüsseln und Tassen. Handarbeit.
Man kann sich vorstellen, wieviel Konzentration notwendig ist, um die Malarbeit 8 Stunden am Tag auszuführen. Rücken und Handgelenke, Schultern und Augen leisten Schwerarbeit.
Luana Fringuelli spricht perfekt englisch und auch ein bisschen deutsch. Hier steht sie bei den großen Brennöfen und erzählt uns, wie groß die Probleme in den letzten 8 Jahren geworden, seit Aufträge aus den USA stark zurückgegangen sind. Auf die Frage, ob es je die Überlegung gab Teile der Produktion nach Fernost auszulagern sagt sie, das wäre der größte Fehler in der europäischen Wirtschaft gewesen, die Familie Grazia hätte das nie in Erwägung gezogen.
Nach der Bemalung, die je nach Muster mehrere Stunden für ein Stück in Anspruch nehmen kann und einem übersprühen mit flüssigem Glas erfolgt ein weiterer Brand, um die Farben und den speziellen Glanz dauerhaft mit der Keramik zu verbinden.
Hier nun einige fertige Stücke, teilweise nach traditionellen Renaissancemustern oder auch nach neueren Entwürfen gestaltet. Natürlich haben solche Teile ihren Preis. Werden noch immer bei Hochzeiten oder anderen Festen verschenkt, man begegnet handbemalter Keramik überall in dieser Gegend. Nicht nur hier wird Majolika hergestellt.
Ich mochte dieses verspielt fröhliche Motiv mit klassischen Elementen und kaufte einen kleinen Kuchentteller mit Fuß zur Erinnerung an meine erste wunderbare Entdeckung ziemlich genau 1000km von zuhause entfernt.
Zum Schluss noch ein Bild einer Sammlung von Tongefäßen für die Aufbewahrung von getrockneten Kräutern. Angesichts des neuen "Kontinents", der sich aus Plastikabfällen im Pazifik gebildet hat und mikroskopisch kleinen Plastikpartikeln, die schon in der Kuhmilch und im Wasser nachgewiesen worden sind, mag die Ära des Kunststoffs seinen Höhepunkt überschritten haben. So langlebig und schön wie diese kunstvolle Gebrauchskeramik im Wandel der Jahrhunderte blieb, so wünschenswert wäre es, dieses Wissen und die Kunstfertigkeit zu erhalten. An Willen zum Wandel mangelt es hier in Deruta jedenfalls offensichtlich nicht.
Mehr zur ältesten Keramikfabrik der Welt könnt ihr hier lesen. Unter anderem auch, warum diverse Hollywoodschauspieler Geschirr der Familie Grazia aus Deruta besitzen. Die faszinierende Geschichte eines 500 Jahre alten Familienbetriebs.
Und hier gehts zur Webseite der Manufaktur von Ubaldo Grazia
1000 Kilometer von
Wien in den Süden ins Herz Italiens. Wieder zurück merke ich, dass es aus Deruta kein einziges anderes Foto außerhalb der Manufaktur in meiner Kamera gibt. Muss es auch nicht.
Das war die erste Folge einer
neuen Serie, deren Fortsetzung in den Sternen steht. Welche
Himmelsrichtung wird es wohl das nächste mal sein? Bis dahin werden wir
sicher einige Male vom Teller aus Deruta essen und uns daran erfreuen.
Es gibt sie in vielen Ländern, oft allerdings als Überbleibsel alter Traditionen. In dieser Folge der Serie sind einige schöne Beispiele von Alleen zu sehen. Keine Alleen die öffentliche Straßen begleiten, sondern Baumpflanzungen, die von der Straße zu einem Wohnhaus oder einem Gehöft führen. Man kennt das häufiger von Zufahrtswegen zu größeren Anwesen, wie Schlössern oder Landhäusern. Hier in Umbrien entdeckte ich eine Fülle teilweise recht unterschiedlich wirkender Baumreihen, mit Nadelbäumen oder Laubbäumen gestaltet. Auffallend oft endet die Allee mit Zypressen an der Straße, die wie eine Art Wächter zur Einfahrt des Anwesens wirken.
Eine Allee mit alten Pinien in den ersten zwei Bildern, im Sommer bei großer Hitze herrscht hier sicher ein angenehmes Mikroklima, aber darum scheint es nicht zu gehen.
Einen ganz anderen Eindruck vermitteln die Zypressen links und rechts des Weges. Im ersten Bild eine Allee mit alten Bäumen, im zweiten eine Jungpflanzung. Bis zum Steinhaus sind es etliche Meter und viele Bäume! Sicher keine billige Angelegenheit, schön dass man auch noch heute auf diesen Brauch zurückgreift, denn allzugroße Vorteile sehe ich bei dieser Art von Pflanzung nicht, außer dass sie einfach sehr sehr gut wirkt.
Ganz anders der Eindruck einer Allee aus Laubbäumen: Deutlich zu sehen, dass die Bäume regelmäßig geschnitten und gut betreut werden. Im zweiten Bild wieder der "Einstieg" in die Allee: Vier Zypressen. Vor dem Haus beenden zwei mächtige Pinien diese Wohltat fürs Auge!
Das Haus ist noch nicht fertig, das ganze Anwesen sichtbar noch Baustelle, aber die Pinienallee steht kerzengerade und wie es aussieht auch nicht erst seit gestern. Wie so oft sieht man auch hier, wieviel Wert auf eine schöne Allee gelegt wird.
Verspielt und extravagant wirkt diese Jungpflanzung von schlanken jungen Zypressen mit kleinen kugelförmig geschnittenen Büschen dazwischen(Wacholder??), die ich aus der Entfernung nicht zuordnen konnte. Sicher keine billige Angelegenheit! Dazu kommt, dass in manchen Gegenden mit häufig vorkommendem starken Wind die jungen Zypressen gebunden werden müssen, damit nicht einzelne Zweige herausgerissen werden und dann wegstehen.
Das Haus beherbergt schon lange keine Menschen mehr, die Pinienallee davor ist ungepflegt, aber die Bäume vital und mächtig.
Auch oft gesehen: Pinien und Zypressen in abwechselnder Folge haben einen besonderen Reiz! Der Eindruck wechselt dabei stark, je nachdem von welcher Seite her man in die Allee schaut.
Zum Schluss noch ein Foto aus dem fahrenden Auto gemacht . Diese "Allee" scheint auf den ersten Blick ungewöhnlich. Wurde bewusst in Clustern gesetzt?
Das war eine kleine Auswahl. Ich sah in ein paar wenigen Tagen viele solcher privater Alleen! Oft führen sie zu Farmhäusern und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Besitzer vielleicht sogar ein bisschen stolz auf ihre Baumreihen sind. Eines ist sicher: Die Alleen prägen das Landschaftsbild und es wäre sicher um einiges ärmer ohne sie.
HiergerneLeserInnen wissen es: Ab und zu überkommt es die Bloggerin und sie biegt beim Kreisverkehr anders ab als es tägliche Wege erfordern. Vorzugsweise im Frühjahr, wenn sie das Grau zwischen den Zweigen der frühlingshungrigen Bäume zwischenzeitlich durch andere Sinneseindrücke ersetzen muss. Ein paar Tage also hinein ins üppige Sehvergnügen. Ein neues Projekt formiert sich im Hinterkopf, davon aber später einmal mehr.
Vor meiner Haustüre an der des morgens Wärme rückstrahlenden Hauswand blüht (mickert) ein kleiner Rosmarinbusch der warmen Zeit entgegen. Dieses Jahr lässt ja Wärme ganz schön auf sich warten! Im März gab es bei uns praktisch keine Tagestemperaturen über 15° und die Nächte waren auch fast durchgehend recht kalt.
Das sei am Rande erwähnt, um den Eindruck, den ich hier, etwa 900km weiter südlich bekam fühlbar zu machen. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Häuschen!
Was hier an der Begrenzung zu einem Parkplatz wuchert und jetzt üppig blüht ist - ihr habt es gleich gesehen - Rosmarin. Was für ein Duft muss das sein, wenn die Sonne da drauf scheint und es etwas wärmer ist als wir es erlebten (ein Genuatief sorgte hier in letzter Zeit für viel Regen).
Im Herzen des Appenin, in Umbrien ist man offenbar verrückt nach Rosmarin, kein Wunder, er scheint hier einfach gar nicht anders zu können als zu wuchern!
Mir war bisher nicht bewusst, dass es da auch eine kriechende Variante gibt, wie im Bild oben offensichtlich. Perfekt für solche Zwecke wie hier und zum "begrünen" von Böschungen am Straßenrand. Im Moment steht er überall in Blüte und leuchtet herrlich blau, sodass man ihn von Weitem erkennt.
Auch die stehende Sorte macht viel her und erreicht hier eine ordentliche Größe, wie auf dem Foto unten zu sehen. Rosmarin und Zypressen im Kreisverkehr.
Ist das zu glauben? Ihr seht mich maximal beeindruckt! Fast schien es, als würde Rosmarin hier weniger in Gärten als auf öffentlichen Flächen gepflanzt, vielleicht weil er kaum zu bändigen ist? Am Straßenrand Wurzel an Wurzel mit einem Olivenbaum.
Auch zwischen Steinmauern üppig wachsend, hier fehlt es sicher nicht an der nötigen Wärme, ein widerstandsfähiges Gewächs allererster Güte. Ich frag mich, warum man nirgends Rosmarinfelder sieht, ähnlich der Lavendelfelder in Südfrankreich...
Sogar als Straßenbegrenzung im Außensitzbereich einer Fastfoodkette ist Rosmarin gepflanzt. Er scheint alles auszuhalten, wenn er auch hier sichtlich nicht so glücklich ist.
Blüten und jede Menge Knospen: Die Blühzeit muss wohl relativ lange sein.
Ein wunderschönes englisch/schottisches Lied besingt dieses würzige Heilkraut. Hier in meiner Lieblingsversion von Simon and Garfunkel. Für mich ganz aktuell, denn gestern Abend rockte die Wiener Stadthalle, wo in ein paar Wochen der Europäische Songcontest stattfinden wird. Sting und Paul Simon boten mit einer Reihe wundervoller Musiker drei Stunden feinstes Liedgut, besagtes Lied war nicht dabei, die Erinnerung daran trotzdem frisch.
Noch mit dem Eindruck von Rosmarin im Gemüt ein herrlicher
Abend, der vergessen ließ, dass der echte Frühling, der warme und
blühende hier bei uns wiedermal aufgeschoben und feinstes nasskaltes
Aprilwetter angesagt ist. Aber auch das geht vorbei und jetzt muss ich erstmal dem immergrünen Busch vom Wochenmarkt, der mir ohne groß zu denken zuflog einen schönen Platz im Garten suchen...