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Mittwoch, 23. November 2016

Bedürfnis nach Wärme

Zum runden Geburtstag vor bald einem Jahr hatte ich diese Schneerose bekommen, die mit kurzen Unterbrechungen während frostiger Perioden den ganzen letzten Winter unermüdlich in seinem kleinen Topf neben der Haustüre blühte. Im Frühjahr stopfte ich die unansehnlichen Überreste unter dem Haselstrauch in die Erde und siehe da, nachdem das abgefallene Laub und sonst so allerlei Topfinhalte, die während der warmen Monate schnell mal unter das Blätterdach der Hasel entsorgt, kürzlich entfernt waren, leuchteten mir gestern diese Knospen entgegen. Die Schneerose beginnt wieder ihren Blütenreigen und wird ihn trotz Kälte und Frost bis zu den warmen Tagen im März aufrecht erhalten. Ich kann gar nicht in Worte fassen, was mir das dieses Jahr bedeutet.




Manchmal zieht es schwer an mir, die Entwicklungen in der Welt, jedenfalls diejenigen, die uns ununterbrochen medial präsentiert werden. Aber nicht nur dort, inzwischen auch direkt erlebte Realität. Sollen wir wollen, dass es kälter wird, mit den Temperaturen auch in unseren Herzen? Manchmal kommt es mir so vor.
Was treibt uns an, was brauchen wir für ein gutes Miteinander? Simples Mitgefühl, sich in einen anderen hineindenken, kann man sich das noch leisten? Zu Beginn des Advents stellen sich mir diesesmal ganz andere Fragen als in den Jahren zuvor. Es geht nicht mehr darum ob wir weniger dem Kaufrausch verfallen oder uns Zeit für Besinnung und Ruhe nehmen, auch nicht darum, was sein muss oder weggelassen werden kann.

Am Sonntag vor Beginn der weihnachtlichen Zeit streifen wir über Plätze der Wiener City. Stricken scheint zurzeit im Trend zu liegen, wie sonst kann man diese Auslagendekoration interpretieren. Riesige Ballen von Kammzügen und daraus gestrickte Vorhänge dahinter zeigen mir dann mehr das Bedürfnis nach Herzenswärme. Denn es ist warm in Wien.



Die Schanigärten sind gut besucht, egal ob mit oder ohne Wärmelampen ausgestattet. Die Stadt ist voll von Touristen, man genießt die hellen Stunden im Freien bei Kaffee und Apfelstrudel und auf den an jeder Ecke befindlichen Weihnachtsmarktstandeln und Punschhütten. 






Amerikaner spielen Straßenmusik, man ertappt sich beim Gedanken, ob sie wohl zu den Auswanderungswilligen gehören und gerade hineinschnuppern in die europäische Welt. Sie spielen gottlob noch keine Weihnachtsmusik. Schlimm, dass diese so negativ besetzt ist, aber gut wenn das unsere einzigen Sorgen wären.



Je mehr die Engeldichte in der vorweihnachtlichen Zeit zunimmt und das tut sie konstant seit Jahren, umso mehr frage ich mich, was man landläufig so damit verbindet. Ist halt süß, sie lassen wahrscheinlich die Kassen klingeln und das wars dann. Eine Welt jenseits der Konsumwelt? Eine Welt die sich Mitgefühl und Herzenswärme leistet, welche nichts einbringt außer das Gefühl menschlich sinnvoll gehandelt zu haben und so, wie man selbst auch behandelt werden möchte mit anderen umgeht. Dazu bräuchte man nicht mal eine Religion.



Manchmal verzage ich ein bisschen, selbst dann, wenn ich denke, dass diejenigen, die eine extremere Wortwahl im Ausgrenzen anderer Menschen verwenden, hätten ihre Gründe dafür und könnten es nicht besser. Wo sind die anderen, die gefestigten, die zeigen, dass es auch anders geht. Es gibt sie in großer Zahl, aber immer öfter verstummen sie, weil sie immer öfter öffentlich eingeschüchtert, bedroht und lächerlich gemacht werden.





Kleine Zeichen der Liebe, des Miteinanders und Mitgefühls werden in diesen Tagen immer wichtiger. Wir dürfen nicht verstummen und so tun, als wäre alles gut. Vieles ist nicht gut und das zeigt sich immer deutlicher. Daneben gibt es fast täglich Zeichen echter Freundschaft und ein Dasein füreinander. Das gibt Kraft. Aufgeben ist keine Option. Wegschauen allerdings auch nicht. Das ist anders geworden.

Zurück zum Garten: Wir starteten einen Versuch im Gemüsebeet. Auf eine Schicht Laub kamen Kartoffeln, die wieder mit einer Schicht Laub bedeckt wurden. Darüber Erde gehäufelt. Wenn der Winter mild wird sollte das klappen und wir können sehr zeitig Kartoffeln ernten. Das geht so: Die Kartoffeln fangen an zu treiben, weil die Laubschicht beim zerfallen etwas Wärme erzeugt. Die Triebe bleiben an der kalten Erde nach oben und unten hin stehen, bis diese im Frühjahr wärmer wird und starten dann schnell durch. Soweit die Theorie. Lassen wir uns überraschen. Bis dahin werde ich täglich nach meinen Schneerosen schauen und nicht aufgeben an eine bessere Welt zu denken und zu glauben.


  


Donnerstag, 20. Oktober 2016

Freitagstexter / The Winner Is...

Bevor es an die Auflösung des Freitagstexterfotos geht, nehme ich euch auf eine kleine Reise mit. Nachdem mir ein sehr inspirierendes Buch über Straßenfotografie in die Hände geraten war, versuchte ich immer wieder mal Anregungen daraus aufzunehmen und zu "üben". Sich auf wenige Elemente zu beschränken macht Spaß und regt dazu an, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Bewusst in die Reduktion zu gehen kann ein Motiv bekanntlich hervorheben, aber gibt es auch Blickwinkel, die nicht so häufig angewendet werden und doch spannende Ergebnisse bringen können? 
Eine der Aufgaben lautete: Sich einen Aspekt zu suchen und dann für den Tag dabeizubleiben. Schwer, wenn man gewohnt ist eher breitbandig wahrzunehmen und festzuhalten, was gerade interessant erscheint, egal, ob sich das Motiv in der Ferne oder Nähe befindet. 
Nun, die Aufgabe bestand darin Menschen von hinten zu fotografieren. In einer Großstadt wie Wien, noch dazu in der City, laufen im Sommer genug interessante Leute herum. Trotzdem fiel mir die Aufgabe zunächst nicht leicht. Man geht hinterher, bewegt sich also mit und sollte dabei nicht zu sehr verwackeln, was gegen Abend zunehmend schwerer gelang. Gerade da machte es aber am meisten Spaß.
Bei der Durchsicht sah ich auf einmal, wieviele Geschichten diese Bilder bei genauerer Betrachtung erzählten, sie ließen viel Raum für eigene Fantasien. 











Zu unserem Freitagstexterbild:
Die junge blonde Schöne in diesem wunderbar frischen Kleid war begleitet von einem etwa doppelt so alten Mann mit chinesischem Aussehen. Sie schlenderten entspannt durch das "Golden Quarter", Graben/Kohlmarkt, der Wiener City. Ich sah sie zuerst von vorne, um mich dann sogleich an ihre Fersen zu heften. Ein so ungleiches wie interessantes Paar.
Schon in meiner Jugendzeit setzte ich mich manchmal mit einer Freundin auf die Mauer bei der Oper, wo wir nichts anderes taten als Passanten anzuschauen und zu raten was für Berufe, Partner, Kinder sie wohl haben würden. Da es nie zur Auflösung kam, weil wir zu feige waren, auch nur eine/n zu fragen, ergingen wir uns in unseren eigenen Fantasien und verglichen unsere Geschichten miteinander. Sowohl meine Freundin, als auch ich ergriffen später Berufe, die eine genaue Beobachtung des Menschen erforderten. Heute sind es oft die Bewegungsabläufe und Körperhaltungen die mich interessieren, aber sicher nicht nur das.

Aber nochmal zurück zum Bild: Ich fands lustig eure Kommentare zu lesen, die Bandbreite bis hin zur Psychiatrie! Euch ging es wohl ähnlich wie mir, wenn man nicht in die Gesichter sehen kann, bekommen die inneren Bilder Beine...



Nun endlich zur Weitergabe des Pokals!

    Wie gesagt: Alle eure Kommentare brachten mich zum schmunzeln! Danke! Ihr habt meinen Tag ein bisschen fröhlicher gemacht und mich staunen lassen.

    Der Pokal geht an: 

Trolleira!!!!

Er hat mich mit seinem Kommentar zum lachen gebracht:  "Komm schon Putzi, da vorne gibt's die Schuhe mit Absätzen!" 

Herzlichen Glückwunsch und viel Spaß bei deiner Bildauswahl für den nächsten Freitagstexter.

Euch ein Bild interpretieren zu lassen hat Spaß gemacht, vielleicht gibts hier ab und zu mal ein kleines Ratespiel, außer obligo, was meint ihr?



     

Montag, 1. Februar 2016

Lieblingsbilder 2015 / Juli

Alles im Übermaß kann zu Verdruss führen. Beim Durchsehen meiner Fotos im Juli des letzten Jahres bleibe ich an diesem einen wegen seiner Dunkelheit hängen. Weil alles sonst aus dieser Zeit lichtdurchflutet und dieses eben nicht. Sommer letztes Jahr war heiß heiß heiß, sonnig und trocken. Bei einem unserer nächtlichen Wienbesuche ließ ich das Seitenfenster runter und drückte auf den Auslöser. Des Nachts unterwegs zu sein war für sich schon eine Wohltat. Und obwohl es sich auf den ersten Blick vielleicht nicht erschließen mag, hat sich selbst in dieses Bild die Julihitze hinein reklamiert. Die roten Buchstaben klangen verlockend (ich liebe Scharfes), bei 30° auch noch um Mitternacht lag ein kaltes Bier dann doch näher...


                      typischer Wiener Würstlstand am Schwarzenbergplatz im Juli 2015

In dieser Serie geht es um Fotos aus dem Vorjahr. Und zwar aus meinem normalen Leben. Nicht von Reisen oder besonderen Erlebnissen, sondern von Motiven, die en passant auf mich zukommen. Typisches und Schönes im täglichen Leben.


    
  

Dienstag, 19. Januar 2016

Alt und jung zugleich - Sophie Freud in Wien

Während ich die Bilder für diesen Beitrag auswähle, denke ich an die drei Tage im zauberhaften Winterambiente des Weissensees zurück. Die Natur in ihrer Schönheit zu erleben hebt so leicht aus dem Alltag, macht reicher, fröhlicher und lässt das Herz in einen anderen Gang schalten. 



Sonntag vormittag dann in einem gesteckt vollen großen Saal in Wien. Wir erleben Sophie Freud, Enkelin von Sigmund Freud bei einem Gespräch. Für mich eine große Inspiration diese betagte Dame auf der Bühne zu erleben. Was für ein bewegtes Leben! Als Jüdin durch halb Europa und schließlich in die USA geflüchtet, dort Karriere gemacht beeindruckt sie mit Lebensweisheit und Gelassenheit. Ein Leben voller Herausforderungen, es klingt Vieles an, man spürt den Frieden, den sie in vielerlei Richtungen schließen konnte. 




Humor und Ernsthaftigkeit, Intelligenz und Charme. Es ist wunderbar, eine "alte" Frau zu erleben, die als Vorbild oder eine Art Leitbild dienen könnte. Die sich erlaubt als Frau stark und weich zugleich zu sein. Es gibt leider nicht so viele öffentlich bekannte, jedenfalls nicht in meiner Wahrnehmung. 
In einem größerem Rahmen bekannt wurde Sophie Freud über ihre teils scharfe fachliche Kritik an Theorien des Großvaters. Heute sei sie milder sagt sie. Wer jetzt neugierig geworden ist: Hier ein kurzer Zeitungsartikel zu den Memoiren Sophie Freuds
   

                           alle Fotos vom Weissensee Anfang Januar 2016

Ein Artikel von vor zehn Jahren aus "Zeit online" macht erlebbar wie stark diese Frau ihre Talente umsetzen konnte und wie fachlich mutig sie agierte.

Zur hier angesprochenen Veranstaltung ein Link mit Foto, ebenfalls zu einem Zeitungsbericht. Lest bei Interesse nach, ich muss das hier nicht neu erfinden.

Wie sehr Sophie Freud, die Wien als Jugendliche verlassen musste und seither nie hier gelebt hat, in "der Stadt ihres Großvaters" nach wie vor geschätzt und wahrgenommen wird zeigten die Besucher und Besucherinnen allein schon durch ihre Anwesenheit im ausverkauften Stadtsaal, ganz gegen meine Erwartung saßen Frauen und Männer aus allen Altersgruppen im Publikum und nahmen regen Anteil am Gespräch. Ahhs und Ohhs, Gelächter und Applaus. So präsent, intelligent und lebendig zeigte sich Sophie Freud in diesen zwei Stunden. Danke!


  


Samstag, 9. Januar 2016

Lieblingsbilder 2015 / März

Gelegenheit in den Festsaal der Universität Wien zu kommen gibt es nicht so oft, umso mehr freut es, wenn ein Studienabschluss im Familien- oder Freundeskreis Möglichkeit bietet den Raum in aller Ruhe betrachten zu können. Dazu gibt es während der teils wenig inspirierenden Reden genügend Zeit und mit der Kamera hantieren sowieso alle rundum. Letztes Jahr feierte die Ringstraße 125 Jahre ihres Bestehens. Was für ein gewaltiges Gesamtkunstwerk, von dem viele Generationen in vielerlei Hinsicht profitieren! Die Wiener Universität gehört zu diesem Komplex und ist genauso eine Besichtigung wert wie andere berühmte Gebäude an der Ringstraße. Nun aber zurück zum Festsaal der Uni: Die Geschichte der Auftragsbilder von Gustav Klimt für den Festsaal liest sich wie ein Krimi und lässt ahnen, wieviel kreative Kraft gegen Ende der Monarchie zu neuen Sichtweisen drängte. Es war wie vorher und nachher immer wieder: Visionäre Kräfte prallten auf Bewahrer der Tradition. 
Nicht ganz einfach, aber machbar: Führungen zum Thema Klimt in den Festsaal der Universität.
 

                   Teil der Decke im Festsaal der Universität Wien März 2015

Zur Erinnerung: In dieser Serie geht es um Fotos aus dem Vorjahr. Und zwar aus meinem normalen Leben. Nicht von Reisen oder besonderen Erlebnissen, sondern von Motiven, die en passant auf mich zukommen. Schönheit im täglichen Leben.

Mittwoch, 6. Januar 2016

Lieblingsbilder 2015 / Februar

Eistraum vor dem Wiener Rathaus, mein Lieblingsbild für den Februar. Mit einer Art rotierender Gondel, die langsam in die Höhe fährt gelang es vor einem Jahr diese Perspektive einzunehmen. Ich mochte das Foto auch für seine graphischen Effekte und die Farbkontraste. Winterspaß in der Stadt, auch dieses Jahr wieder ab 21. Januar.
Besonders faszinieren mich beim fotografieren andere Perspektiven, es macht Spaß ungewohnte Blickwinkel einzunehmen. Ist es nicht interessant, wie sehr sich die Welt verändert, wenn man von einer anderen Seite auf sie schaut?!


                               Rathausplatz Wien im Februar 2015

Mittwoch, 18. November 2015

24x abgeklatscht

Ein Sonntag im September in Wien. Gruppen von Menschen mit Kameras, Equipment und jede Menge Utensilien wuseln durch die Innenstadt. In Parks und auf Plätzen, in Kirchen und auf dem Rummelplatz, in Kaffeehäusern und Müllsammelstellen sieht man sie werkeln, posen, einstellen und abklatschen, wenn wieder ein Bild geschafft und auf der Liste abgehakt werden kann. Dieses Jahr hatte ich wieder mal Lust mitzumachen, sehr viel Lust und das innere Kind jubelte. Versuchen die bekannte Welt mit anderen Augen zu sehen und einfach für einen Tag das normale Leben ausblenden und Spaß zu haben. Spaß machte es ungeheuer, mit dabei der Mann an meiner Seite und eine liebe Freundin, wir waren ein Super Team.

Inzwischen ist der Wiener Fotomarathon so beliebt und bekannt, dass Leute aus anderen Teilen Österreichs eigens anreisen, um teilzunehmen. Solche Events gibt es auch in anderen Städten, hier in Wien jedes Jahr mit weit mehr als tausend Teilnehmern. Anspruch und Ehrgeiz und letztlich das Können, gute Fotos zu machen, die auch aus der Masse herausstechen, bringen eine große Bandbreite in die Ergebnisse und ich finde es jedes Jahr spannend, wenn dann Mitte November alle Fotos, die es in die Wertung geschafft haben veröffentlicht werden. So viel geballte Kreativität auf einmal! Natürlich sind Profis dabei, warum auch nicht, wer etwas kann, soll ruhig eine Bühne bekommen und dabei andere inspirieren.

Das Foto unten ist aus meiner Strecke, es erreichte unter meinen 24 Bildern die beste Wertung, nämlich den 10. Gesamtplatz beim Thema "ausgedient". Ich hatte Glück und das "Richtige" dabei, um diesem Thema einen passenden Auftritt zu geben. Alte Fotos, die ich einige Male in die Bilder einbaute, kamen nicht so gut an, ich fands stimmungsvoll, die Jury weniger. Letztlich spielt das aber keine Rolle, hier ist für mich der Weg immer noch das Ziel. Trotzdem finde ich es interessant Feedback, wenn auch nur als Punktezahl zu bekommen, man kann sich immer weiterentwickeln und Neues lernen, vor allem auch durch Fehler, aber auch durch das vergleichen mit anderen Teilnehmern: Wie haben andere das eine oder andere Thema umgesetzt, welchen Aufwand haben sie getrieben, welche Techniken verwendet? 




Die Aufgabe ist spannend und durchaus anspruchsvoll. Beim Vollmarathon muss man 24 Bilder zu am Morgen bekanntgegebenen Themen fotografisch umsetzen, in richtiger Reihenfolge auf der Speicherkarte spätestens zur Deadline beim Treffpunkt abgeben. Bilder im Nachhinein zu verändern ist strikt verboten und führt zur Disqualifikation. Wie und wo man die Aufgaben löst, steht einem frei, doch Kreativität hat schon hohe Priorität. Das mag ich und genau das spornt auch an! Man hat knapp 12 Stunden Zeit, was zunächst gut klingt, in der Praxis aber bedeutet, dass man im Schnitt alle halbe Stunde ein Foto machen muss, dazwischen von dort nach da fahren, Motive finden oder kreieren, auch mal was essen und trinken und nicht zu knapp auch einen Plan haben. Denn Chancen vorne mitzumischen stehen nur gut, wenn man es schafft ein möglichst neues und spektakuläres Konzept in Serie durch alle Themen durchzuziehen. Eine ganz schön große Herausforderung also. 

Als wir bei Bild 8! auf die Uhr schauten und feststellen mussten, dass wir zu lange (im Kaffeehaus bei Ham and eggs, Kaffee und Croissants) frühstückend gemütlich geplant hatten, wurde es eng und es mussten in kurzer Zeit einige Fotos gezaubert werden, um überhaupt noch eine Chance zu haben, alle 24 Fotos auf die Speicherkarte zu bekommen. Der Zeitdruck groß!

In diesem Moment denke ich daran, wie wunderbar es ist, sich in einer Großstadt frei bewegen zu können, unorthodoxe Dinge zu tun, die niemanden aufregen oder stören, Freude und Kreativität mit vielen anderen zu teilen, einfach weil man es tun kann und es die Welt ein bisschen fröhlicher und bunter macht.





Mittwoch, 11. März 2015

Über den Dächern steht die Zeit

Für Freunde der Wiener Ringstraßenarchitektur: Verzaubert von der etwas ungewöhnlichen Perspektive versuche ich einen genaueren Blick auf die Dachlandschaft des Wiener Burgtheaters zu bekommen. Mit dem City Sky Liner, der für kurze Zeit vor dem Rathaus aufgebaut war, konnte man schnell auf etwa 70m Höhe hinauf fahren und eine ungewohnte Aussicht in jede Richtung genießen. 
Ich bin ja ein Fan von all den Engeln, Rittern, Drachen und allegorischen Gestalten, die so auf den Dächern und Friesen der gründerzeitlichen Gebäude von Wien zu Hunderten herumstehen. Von unten ist ihnen all ihre Großartigkeit genommen. Sie fristen ein traurig-graues Dasein abseits der allgemeinen Bewunderung seitens der Wienerinnen und Wiener und der Touristen. Selbst wenn sie Aufmerksamkeit bekommen, ist ihre wahre Größe und Pracht nie wirklich gut und von allen Seiten zu erkennen.



Eines der imposanten Ringstraßenbauten: Das Burgtheater, das nach dem Vorbild der Dresdner Semperoper von Gottfried Semper und Carl Hasenauer geplant und erbaut wurde und dieses Jahr sein 125jähriges Bestehen feiert. Bis heute ein wichtiges Theater im deutschsprachigen Europa mit einer ungewöhnlichen Architektur. Versuchen wir also einen Blick auf die Figuren oben zu erhaschen. Auf dem Satteldach stehen zwei mehrere Meter hohe Engelpaare aus Sandstein, die einen Lorbeerkranz in die Höhe halten. Symbolik eindeutig. Vorne rechts wunderbar mit Kupferblech ausgeschmückte Kamine, dahinter ein Wetterhahn.
Im Vordergrund, in der Mitte des Zeltdaches (über dem Zuschauerraum) ist eine eigenartige Engelfigur mit einer Art Trompete zu erkennen, die hier eine bestimmte technische Funktion erfüllt, wie unter dem Foto beschrieben.



"Eine architektonische Besonderheit im Burgtheater ist die patentierte Luftschleuse, die als Belüftungssystem des Theaters fungiert. Unter dem runden Dach der Luftansaughütte befindlich, wurde die Anlage vom Architekturbüro Ignaz Gridl konstruiert. Die Funktionalität besteht darin, dass Luft durch Filter geblasen, gereinigt und temperiert wird. Durch das Messinggitter des Kristalllusterkranzes mittig der Saaldecke wird die Luft aus dem Zuschauerraum ins Freie abgezogen. Den dafür nötigen Zug erzeugt eine grüne Engelsfigur mit einem Blasinstrument."
 (Quelle: http://www.stadt-wien.at/kunst-kultur/buehne/burgtheater-die-burg-am-ring.html)



(Innerhalb der Balustrade kann man im Vordergrund eine Webcam erkennen. Wer also die Perspektive aus dieser Höhe mag, kann sicher den einen oder anderen Blick auf die Dach- und Parklandschaften und Straßen übers Internet erhaschen. Im Fall dieser Kamera einen Schwenk über einige Monumentalbauten Wiens)

Und weil es gerade Spaß macht, die steinernen Riesen zu besuchen, machen wir gleich noch einen Blick auf die Fassade des Rathauses gegenüber und schauen, wie gelangweilt all diese der näheren Betrachtung entzogenen Figuren herumstehen. 76 sind es insgesamt! Dazu kommt der doppelt mannhohe Rathausmann an der Spitze des Turmes. Vom Burgtheater her ist er gerade noch als Ritterfigur zu erkennen.



Weiter hinten, hinter der ausgedehnten Dachlandschaft des Rathauses erscheint eine leuchtende Erdkugel und zieht sofort den Blick an. Sie ist auch von der Landesgerichtsstraße her, auf der Spitze eines Turmes platziert, ganz gut zu sehen. Aus der Höhe betrachtet fällt ihre Einzigartigkeit gleich ins Auge. Es ist ein vergoldeter Globus auf dem Dach des ehemaligen Militärgeographisches Institutes. Hier wurde Kartenmaterial in hoher Qualität mit damals noch aufwendigen Verfahren für die gesamte Österreichisch-Ungarische Monarchie hergestellt, natürlich war das Institut auch für die genaue Vermessung des Kaiserreiches zuständig. Heute beherbergt das Gebäude mehrere Magistratsabteilungen der Stadt Wien und wäre eigentlich auch ohne einen Amtsweg einen Besuch wert.



Letzte Bilder eines winterlichen Wien, bald werden die deutlichen Zeichen des Frühlings nicht mehr zu übersehen sein, die Steinfiguren auf den Dächern und Simsen rührt das wenig...

  

Dienstag, 21. Oktober 2014

Zur Schau gestellt

Poetry Slam auf dem Balkon des Wiener Volkstheater holt Menschen von der Straße ins große Haus neben dem Museumsquartier. Wobei: Die Wiener muss man nicht zweimal bitten, der Andrang ist groß an diesem Tag der offenen Türe. 
An die 150! Vorstellungen haben wir selbst im Laufe der Jahre hier besucht, in einem der größten Theater im deutschsprachigen Raum, ließen uns verzaubern, zum nachdenken anregen, lachen, jubeln, weinen und natürlich klatschen, klatschen, klatschen.



Das ganze Gebäude kennenlernen zu können war spannend. Wie sieht es hinter der Bühne aus, in den Garderoben, in der Maske, in den oberen Stockwerken? Das Foto unten vom prachtvoll beleuchteten Zuschauerraum konnte ich ganz schnell von einer hohen Freitreppe auf der Bühne machen, bevor mich der Ordner herunter rief. Diesen Blick in den Zuschauerraum haben sonst nur die Schauspieler und die sehen nicht so viel, es ist ja meist dunkel dort. Ist das nicht ein schöner Raum, so effektvoll beleuchtet?!





Hier der Blick auf den Bühnenraum hinter der Kulisse, in diesem Fall einer großen Freitreppe.


Blick vom Zuschauerraum auf den oberen Teil der Bühne.


Die Ansicht von der Seite zeigt, wie groß das Gebäude ist. In der Kuppel ist der Schnurboden untergebracht, auf den nächsten Bildern von innen zu sehen.


Nun der Blick ins Innere der Kuppel. Früher verwendete man gemalte Kulissen auf der Bühne, die nach Bedarf hinuntergelassen und hochgezogen wurden. In der Kuppel gab es genug Platz dafür. Die moderne Drehbühne ist groß, heute arbeitet man mit vielen verschiedenen Effekten, nur Raum für Kulissenaufbauten ist wenig vorhanden und so ist Flexibilität gefragt, wenn es darum geht das Bühnenbild zu planen und aufzubauen. Oft wechseln die Vorstellungen allabendlich.
Der gesamte Raum hinter der Bühne ist schwarz ausgemalt, eine so gänzlich andere Welt, in der Technik und Kargheit herrscht. Auf der Bühne werden Welten hergestellt und glaubhaft vermittelt, im Hintergrund muss man aufpassen nicht über Kabel zu stolpern und den Weg in die Garderobe zu finden.






Die Maske und die Garderoben, alles ist eng und klein, immerhin befinden sie sich gleich neben der Bühne. Die Schauspieler müssen sich in verschwitzte Roben zwängen, Perücken oder Gummiteile am Kopf aushalten, von der vielen Schminke gar nicht zu reden. Auf der Bühne essen, trinken, schreien, toben, lachen, morden, lieben, was auch immer. Auf den Punkt die Leistung bringen, egal wie ihr eigenes Leben gerade läuft. Ich bewundere das grenzenlos, welch große Leistung!




In der Requisite plaudern die Angestellten über manche Tricks, die sie anwenden und man muss schmunzeln. Ganz so hat man sich das nicht vorgestellt, aber klar, Alkohol wird durch Tee ersetzt und Blut aus der Flasche fließt bekanntlich auf der Bühne in Mengen (dass das Blut nicht echt ist weiß ich, klar, aber auch Kunstblut verfehlt seine Wirkung nicht). Nur an das unvermittelte Schießen werde ich mich nie gewöhnen. Könnt ihr nicht ein rotes Licht aufleuchten lassen, damit ich mir rechtzeitig die Ohren zuhalten kann?! Jaja, ich weiß schon, die Welt ist voll von Bösem, es reichte allerdings mir das vorzustellen....







Auf den Gängen hängen Porträts der Menschen, die für das Wiener Volkstheater wichtig waren. Hier das Bild des derzeitigen Direktors Michael Schottenberg. Ein wunderbares Foto! 



Aus dem Alltag herausgehoben und trotzdem an die vielen Dimensionen menschlichen Lebens und Erlebens anknüpfend schließt sich immer wieder der Kreis von der Bühne zum echten Leben. Wenn ich sehe, wie die die Schauspieler alles geben und wie viele Menschen notwendig sind, um ein Theaterstück Realität werden zu lassen, habe ich große Respekt und Hochachtung vor der Leistung dieser Menschen. Sich der Kritik anderer auszusetzen, verletzlich zu sein und sich doch immer wieder darauf einzulassen ist sicher nicht einfach. Nicht jedes Stück mochte ich, aber jedesmal gab es Denkanstöße und oft Freude. Nach all den Jahren bin ich dankbar für die vielen schönen Stunden Verzauberung in diesem Theater und hoffe noch viele Vorstellungen sehen zu können....


Freitag, 19. September 2014

Auch das ist (in) Wien

Mit einem solarbetriebenen steuerbaren, nicht zu großen Ballon auf mehreren Metern Höhe durch die Straßen Wiens gleiten zu können: Das wär´s! Wien wird bevölkert von Tausenden Figuren, Köpfen, Reliefs, Plastiken und Statuen, die sich der genaueren Betrachtung weitgehend entziehen weil sie hoch oben auf Fassaden und Dächern platziert sind. Die Möglichkeit ein paar Blicke aus oberen Stockwerken zu erhaschen, muss man wirklich nützen. Was sich da alles auf Dachniveau an wunderlichen Gestalten tummelt ist unglaublich. Im gründerzeitlichen Wien hat man selten an der Ausschmückung gespart. 

Frisch restauriert leuchtet die vergoldete Fackel vom Giebel des aufwendig gebauten Bürgerhauses hinter dem Volkstheater. Das Haus wurde vor ziemlich genau hundert Jahren fertiggestellt, wie so viele andere Häuser der damaligen Bauboomjahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges auch. So viel Reichtum in dieser Stadt und auch jetzt wird wieder viel Geld in die Hand genommen, um die alte Pracht zu erhalten.


                           Weghuberhaus, Museumsstraße 3-5

Weiblicher Genius mit Adler heißt die übermannsgroße Komposition. Braucht das heute noch jemand? Und doch geht von all diesen Schmuckteilen eine Faszination aus. Ich dachte darüber nach, ob und welchen Einfluss es auf die Bewohner einer Stadt haben mag, von so vielen in Stein gemeißelten symbolträchtigen Darstellungen umgeben zu sein. Oft riesengroß bleiben viele dieser reglosen Gestalten außerhalb der bewussten Wahrnehmung. Und doch sind sie allgegenwärtig. Hat sie je wer gezählt oder dokumentiert?

Der Anblick des Giebels von der Seite ist aus einem Fenster im obersten Stockwerk des Volkstheaters aufgenommen und zeigt die differenzierte Ausgestaltung der Fassade. Man protzte mit seinem Reichtum, keine Frage.


Ganz in der Nähe, von der Dachterrasse des 25hours Hotels fängt sich der Blick auf dem großen Areal des Parlament, dessen Rückseite von hier gut zu sehen ist. Auf dem Dach stehen nicht weniger als 8! Quadrigen aus Bronze, das sind die monumentalen Pferdegespanne, die dem Anschein nach von einer Art Engel (Nike, eine griechische Göttin) gesteuert werden. Dazwischen stehen unzählige riesige Statuen, eine neben der anderen auf einer Balustrade am Dachsims entlang. Das Parlament, der wichtigste Monumentalbau auf der Ringstraße wurde von Theophil Hansen als Gesamtkunstwerk konzipiert und in allen Einzelheiten (bis zu den Türklinken) durchkomponiert. 

Irgendwann einmal, beim vorbeifahren, ziemlich genau dort, wo der silberfarbene Minivan auf dem Foto zu sehen ist, fiel mir das strahlende Etwas auf dem Schornstein auf. Was um alles in der Welt mochte das sein!? Es war offensichtlich frisch restauriert und ist vielleicht das abwegigste Ding auf der ganzen Welt, dem vor ein paar Jahren 20.000 Blätter Dukaten Doppelgold verpasst werden sollte, nachdem die Restauratoren herausgefunden hatten, dass tatsächlich unter Schichten von Farbe Blattgold zu finden war. So strahlt der gesamte gusseiserne Aufsatz mit lebensgroßen Figuren nicht nur bei Sonnenschein und ist seit ein paar Jahren sicher der schönste Schornstein!! auf der ganzen Welt. 
Von außen spielt dieses Gebäude nun alle "Stückln", wie man in Wien hier so sagt. Wie man hört, soll es im Inneren ganz anders aussehen, für dringende Renovierungsarbeiten zu wenig Geld da sein. (Außen hui, innen pfui) 

Ein bissl verrücktes, aber ach so schönes Wien hier also auf *kleine freude* heute und für Wienbesucher dieser kleine Tipp, nach der imposanten Freitreppe vorne am Ring auch die Rückseite des Parlaments zu besuchen. Der 32 Meter hohe goldglänzende Dampfschornstein ist auch von unten gut zu sehen!


              Ausblick hier und zweites Foto unten vom Dachboden des 25hours Hotels am Weghuberpark

    hier nochmal das gleiche Motiv vom Rathausplatz her gesehen, im Februar, aufgenommen vom City Sky Liner

Hier noch ein Beispiel von am Dachsims herumlungernden Gestalten. Sie reißen kein Leiberl (auch so was Wienerisches in Sinne von: Sie haben keinen Auftrag und auch keinen Erfolg), aber missen möchte man sie dann doch auch wieder nicht. Auf den Kopf sollten sie uns halt nicht fallen...


Ein Engel aus Bronze mit seinem Schwert den Löwen bezwingend ist eines meiner jüngsten Entdeckungen. Wer von den Wienkennern unter euch weiß, wo er sich befindet? Ich verrate nur soviel, dass er die Fassade eines Gebäudes unweit des Stephansdoms ziert.




Oftmals blicken grimmige Gesichter auf die in ein Haustor Hereintretenden. Manchmal lächeln sie aber auch. In so einem Haus würde ich doch lieber wohnen. Auch das ist Wien und wenn ihr das nächste Mal da seid, schaut oft in die Höhe, die Fassaden entlang, es zahlt sich aus!



  
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