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Mittwoch, 22. April 2015

Eintausend / 1

Kilometer in den Süden

Irgendwann nach einigen längeren Fahrten mit dem Auto tauchte die Frage auf, wie es wäre Gegenden in Europa kennenzulernen, die etwa 1000 Autokilometer von Wien entfernt sind, Vielfalt zu erfahren, Geschichten zu sammeln und Lebenswelten und so einen Kreis in alle Himmelrichtungen zu zeichnen. 
Nun so einfach ist das natürlich nicht, so sehr mich ein solches Projekt faszinieren würde. Ich bin keine Journalistin und werde nicht für solche Jobs bezahlt. Sagt mein Verstand. In nächsten Moment schon beginnen wir mit der Maus auf Reisen zu gehen, im Computer sind solche Zahlen gut aufgehoben und dieser weiß immer mindestens ein Ziel.

Nach Deruta, einem kleinen Ort in Umbrien kamen wir aus anderen Gründen, aber wie so oft in meinem Leben nehmen interessante Wendungen genau die Richtung, die ich mit langem suchen auch nicht besser gefunden hätte.

Keramik, Majolika, Porzellan begeisterte mich schon als Schülerin. In Ungarn, wo wir jedes Jahr den Sommer verlebten, besuchten wir einige der Manufakturen, in denen Porzellan noch mit der Hand bemalt wurde (und wird) und dementsprechend viel kostete. Von meinem ersten selbstverdienten Geld kaufte ich mir als 16-Jährige ein Schüsselchen von Herend Porzellan.



So, nun waren wir also in Deruta gelandet, ziemlich genau in der Mitte Italiens. Es regnete heftig, als ich dieses Gebäude beim vorbeifahren entdeckte. Ich spürte sofort, hier war etwas, das wert war entdeckt zu werden. Wir standen vor der ältesten Majolikamanufaktur der Welt, wie sich wenig später herausstellte!

Die Herstellung von Majoliken hat in Deruta eine seit dem 12. Jahrhundert ununterbrochen weitergeführte Tradition. Hier ist es die Familie Grazia, die seit 1500 fortlaufend diese spezielle Art der Keramik herstellt. Welch eine Kontinuität und welch eine durch viele Generationen weitergeführte Leistung! Welch ein spezialisierte Wissen muss da vorhanden sein!



Die Verkaufleiterin Frau Fringuelli erklärt uns den gesamten Prozess vom rohen Ton zum fertigen Stück, wir dürfen überall zuschauen. Ich bin im Keramikhimmel!
Zuerst wird der Ton in die gewünschte Form gebracht und anschließend in einem ersten Brand bei  1050°C für die Bemalung vorbereitet. Nach einem Bad in einer Art Vorglasur und das übertragen der Muster auf die Stücke geht es ans bemalen. Klar, dass im Laufe der Jahrhunderte viel in der Technik verfeinert werden konnte!



Berge von Gussformen, zum trocknen gestapelte Teller, Schüsseln und Tassen. Handarbeit.



Man kann sich vorstellen, wieviel Konzentration notwendig ist, um die Malarbeit 8 Stunden am Tag auszuführen. Rücken und Handgelenke, Schultern und Augen leisten Schwerarbeit.




Luana Fringuelli spricht perfekt englisch und auch ein bisschen deutsch. Hier steht sie bei den großen Brennöfen und erzählt uns, wie groß die Probleme in den letzten 8 Jahren geworden, seit Aufträge aus den USA stark zurückgegangen sind. Auf die Frage, ob es je die Überlegung gab Teile der Produktion nach Fernost auszulagern sagt sie, das wäre der größte Fehler in der europäischen Wirtschaft gewesen, die Familie Grazia hätte das nie in Erwägung gezogen.



Nach der Bemalung, die je nach Muster mehrere Stunden für ein Stück in Anspruch nehmen kann und einem übersprühen mit flüssigem Glas erfolgt ein weiterer Brand, um die Farben und den speziellen Glanz dauerhaft mit der Keramik zu verbinden.

Hier nun einige fertige Stücke, teilweise nach traditionellen Renaissancemustern oder auch nach neueren Entwürfen gestaltet. Natürlich haben solche Teile ihren Preis. Werden noch immer bei Hochzeiten oder anderen Festen verschenkt, man begegnet handbemalter Keramik überall in dieser Gegend. Nicht nur hier wird Majolika hergestellt.



Ich mochte dieses verspielt fröhliche Motiv mit klassischen Elementen und kaufte einen kleinen Kuchentteller mit Fuß zur Erinnerung an meine erste wunderbare Entdeckung ziemlich genau 1000km von zuhause entfernt.



Zum Schluss noch ein Bild einer Sammlung von Tongefäßen für die Aufbewahrung von getrockneten Kräutern. Angesichts des neuen "Kontinents", der sich aus Plastikabfällen im Pazifik gebildet hat und mikroskopisch kleinen Plastikpartikeln, die schon in der Kuhmilch und im Wasser nachgewiesen worden sind, mag die Ära des Kunststoffs seinen Höhepunkt überschritten haben. So langlebig und schön wie diese kunstvolle Gebrauchskeramik im Wandel der Jahrhunderte blieb, so wünschenswert wäre es, dieses Wissen und die Kunstfertigkeit zu erhalten. An Willen zum Wandel mangelt es hier in Deruta jedenfalls offensichtlich nicht.




Mehr zur ältesten Keramikfabrik der Welt könnt ihr hier lesen. Unter anderem auch, warum diverse Hollywoodschauspieler Geschirr der Familie Grazia aus Deruta besitzen. Die faszinierende Geschichte eines 500 Jahre alten Familienbetriebs.
Und hier gehts zur Webseite der Manufaktur von Ubaldo Grazia

1000 Kilometer von Wien in den Süden ins Herz Italiens. Wieder zurück merke ich, dass es aus Deruta kein einziges anderes Foto außerhalb der Manufaktur in meiner Kamera gibt. Muss es auch nicht. 

Das war die erste Folge einer neuen Serie, deren Fortsetzung in den Sternen steht. Welche Himmelsrichtung wird es wohl das nächste mal sein? Bis dahin werden wir sicher einige Male vom Teller aus Deruta essen und uns daran erfreuen.

 
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