Am November liebe ich am meisten, dass er Wahrheit vermittelt. Wenn blattlos, zeigt ein Baum seinen Wuchs, seine Essenz, nichts lenkt davon ab. Struktur tritt in den Vordergrund, weil Farben in der Landschaft fehlen oder zurücktreten. Linien und feine Farbtonunterschiede kommen zum Vorschein.
Klarheit ersetzt vordergründige Schönheit. Charakter tut sich auf.
Dasselbe gilt auch manchmal für Menschen im November ihres Lebens, wenn sie den Mut dazu haben. Denn zum Altern gehört heutzutage viel Mut. Zu Beginn der winterlichen Jahreszeit muss ich immer wieder an Bilder denken, die sich mir eingeprägt haben: Von alten Frauen in mit der Erde noch stärker verbundenen Kulturen. Ob bei Indianern, Indios, Inuit, Chinesen, Indern, Tibetern und vielen anderen, mit Furchen und Falten durchzogene Gesichter, die Charakter, Einzigartigkeit, Lebenserfahrung, eine abgeklärte Weisheit und manchmal ganz viel Liebe zeigen.
Frauen und Männer, die um die Geheimnisse des Lebens wissen und mit den natürlichen Zyklen mitgehen, ich möchte fast sagen mitschwingen.
Ein Baum ohne Blätter zeigt die ganze Schönheit seiner Lebensgeschichte, die einzigartig ist. Kein Baum gleicht dem anderen. Warum ich diesen Vergleich heranziehe? Ganz einfach: Wäre es nicht schön, wenn Menschen ihre Persönlichkeit freier entfalten würden und im Einklang mit den inneren Ressourcen mit jedem Lebensjahr mehr von innen heraus strahlen könnten, weil sie wissen, dass es schön ist zu sein? Wer man/frau ist, nicht was man/frau tut als Gradmesser für das Leben. Der Rest kommt von allein. Freude im Leben statt Falten sehen und bekämpfen wollen.
In unserer mitteleuropäischen Welt ein Ziel, keine Selbstverständlichkeit. Aber ein Ziel, das sich lohnt im Auge zu behalten. Statt Ware Schönheit echte Schönheit eines erfahrungsreichen Lebens.