Dienstag, 18. Oktober 2011

Charakter verfangen in Lichtfäden

September, zwei Drittel vom Oktober liegen hinter uns und noch kein einziger Nebeltag dieses Jahr. Ein Gefühl von Luxus breitet sich aus. Goldener Oktober - ein Begriff, der dieses Jahr auch bei uns mit Leben erfüllt und nicht nur ein schönes, leeres Wort ist. Lichtfäden, die durch den Garten fliegen, manchmal verfängt sich Pflanze, Tier oder Mensch darin.



Wenn das Gefällige, weiche Formen, Farben abgefallen sind bleibt Struktur.  Charakter tritt stärker hervor. Ich liebe diese Reduktion, es bringt Individualität zum Vorschein. So viel Schönheit. Ja, unbestritten, im Sommer verführt die Üppigkeit und Vielfalt in Allem, was wächst. Wir schwelgen darin. Dann plötzlich, wenn die Tage kürzer werden und das Licht weicher leuchtet, verführt Rückzug in der Natur dazu, das Wesentliche wahrzunehmen. 

Bei der eigenen Wahrheit bleiben, bei dem, was bleibt und Bestand hat. Ziehen lassen, was nicht mehr passt. Ohne Ballast Neues beginnen. Wenn das nicht so schwer wäre. Manchmal.

Sonntag, 16. Oktober 2011

Ganz normaler Jugendstil

Wir stellen das Auto ab, wunderbar, wir haben sofort einen Parkplatz gefunden. Vier Frauen unterwegs zu einem Workshop in Wien. Gerade als ich aus dem Auto steige, öffnet sich die Haustüre neben mir und schon ist sie da: Die eher seltene Gelegenheit, in einen Hausflur hineinzusehen. Ich bin da wie die sprichwörtlichen Geier. Immer auf dem Sprung, etwas *Neues* zu entdecken. Neues im Sinne von *für mich neu*. Und ja, ich habe die kleine Kompaktkamera dabei! (Ohne sie gehe ich eigentlich kaum mehr aus dem Haus).

Wien erfuhr seine städtebauliche Hochzeit vor mehr als 100 Jahren in der sogenannten Gründerzeit. Viele Menschen zieht es damals aus den Kronländern der Monarchie in die Hauptstadt, der Bedarf an Mietwohnungen ist enorm groß und es wird gebaut, was das Zeug hält. Innerhalb weniger Jahrzehnte gibt es eine Fülle an unterschiedlichen Umsetzungen von architektonischen Ideen, einige Architekten machen sich einen großen Namen um die Jahrhundertwende.




Ein bisschen musste ich ausholen, um verständlich zu machen, warum ich immer wieder begeistert Entdeckungen in der Stadt machen kann. Man kommt irgendwo aus Zufall hin und schon stolpert man über ein Kleinod. Was mich besonders fasziniert ist, dass Vieles seit mehr als hundert Jahren erhalten ist, nicht nur Häuser, sondern Bodenfliesen, Stuck, Holztüren, Glasfenster und schmiedeiserne Treppengeländer. Seit etwa 30 Jahren wird in Wien neben der allgemeinen Stadterweiterung auch auf Stadterneuerung gesetzt. Renovieren ist das Geheimnis eines lebendigen Großstadtlebens. Schließlich mussten Substandardwohnungen (kein Wasser und keine sanitären Anlagen innerhalb der einzelnen Wohnungen im Mietshaus) auf die modernen Wohnbedürfnisse umgebaut werden.



Das Besondere und gleichzeitig Alltägliche in der Steingasse 33-37 im 3. Bezirk (Seitengasse vom Rennweg) ist, dass auf beiden Seiten der Straße nebeneinander mehrere gleiche Häuser stehen, die leichte Variationen im Zierrat z.B. im Stuck, oder in den Ornamenten auf den Türen zeigen. Eine gut erhaltene Mietshausgruppe.
Der Architekt dieser Häuser, Carl Stephann hat viele Mietshäuser in seiner vierzigjährigen Karriere gebaut und verschiedene Baustile bedient. Diese Gebäude entstanden 1903 in sezessionistischen Stil, auch als Jugendstil bekannt.



Einerseits Symmetrie am Plafond des Flurs, im Fenster aber ein verspieltes Detail, das aus der Reihe tanzt. Das Blütenmotiv ist eines der beliebten und berühmten Jugenstilmotive in Wien.



Innerhalb dieses Ensembles wird gerade saniert, der Flur wurde neu ausgemalt, der Stuck wahrscheinlich restauriert, die Türe weist noch Löcher auf. Manche der Fassaden sind noch grau, manche Türen grün, andere braun gestrichen. So fällt es erst auf den zweiten Blick auf, dass diese Häuser zusammengehören.



Soviel verspieltes Zierrat mag nicht jedermanns Geschmack entsprechen. Aber allein der Aufwand, den Menschen zur damaligen Zeit betrieben haben, um einfache Wohnhäuser für das Auge schön und abwechslungsreich zu gestalten, fordert Respekt ein. Heute wäre soviel Handarbeit wahrscheinlich unbezahlbar, aber die Liebe zum Detail und zur handwerklichen Perfektion strahlt noch immer aus der längst vergangenen Zeit zu uns, immerhin sind inzwischen zwei Weltkriege durch die Stadt gezogen und Vieles ist auch unwiederbringlich zerstört worden!
Diese Häuser sind mit Sicherheit in keinem Reiseführer zu finden und sind doch so typisch für Wien und so einnehmend in ihrer schlichten Schönheit. 


Freitag, 14. Oktober 2011

Auch heute noch

Als ich ein kleines Mädchen war, träumte mir einmal, dass ich aus blauen Blumen Farbe herstellte und die Essenz auf das Fensterbrett stellte, wo die Sonne die Farbe zum strahlen brachte. Vielleicht liebe ich deshalb auch heute noch blau im Garten. In vielen Facetten und Tönen wächst es da. Jetzt im Herbst leuchten die Blüten der Katzenminze, der Bleiwurz und der Herbstaster im Morgenlicht besonders schön. So viel Sonne diesen Herbst! So viel Freude!


Mittwoch, 12. Oktober 2011

Fast unmerklich

Fast unmerklich beginnt der *Verfall*. Ein bisschen Herbst in der Landschaft. Oft auch mal heiter. 
Fast ein wenig ungläubig hören wir jetzt schon täglich Meldungen, die wir schwer einordnen können. Was bedeuten sie für uns, für die Welt? Was wird morgen sein? Wo werden wir uns wieder finden?

Dazwischen Fröhlichkeit und lachen, als ginge die Welt ihren gewohnten Gang. Wie immer, kein Grund für Veränderung...



Fast unmerklich beginnt der *Verfall*. Geld haben, Chancen, Arbeit haben, oder nicht haben. Was sich nicht mehr halten lässt, passt nicht mehr und fällt.
Fast ein wenig ungläubig hören wir hin. Kann und wird es eine andere Sicht auf die Welt geben, andere Schwerpunkte, andere Zielsetzungen?

Die Blätter fallen bald, was sich nicht mehr halten lässt, passt nicht mehr und fällt. In der Natur, im Leben. Die Essenz und Lebenskraft der Bäume aber bleibt und tritt verstärkt hervor. Zur gegebenen Zeit gibt es neues Wachstum, neue Chancen, neues Leben.

Mein Fokus für die kommende Zeit: Alle Bäume bekommen im Frühjahr frische Blätter, alle. Neu und voller Lebenskraft.

Montag, 10. Oktober 2011

Jedes Jahr Verwunderung

Jedes Jahr Verwunderung. Wenn im Herbst die Wintersaat gekeimt ist und die zarten Halme des Getreides wachsen, das im nächsten Jahr fruchten wird. In Frühlingsfarbe stehen sie da, irgendwie fast unanständig, unpassend, wo rundherum alles zum Braunen, zum verwelken strebt. Wie ein lebendig gewordener Widerspruch die Felder, jetzt, da die Temperaturen vom Sommerniveau heruntergepurzelt sind. Wie von einer geheimen Kraft gezügelt, halten die Triebe dann je in ihrem Wachstum inne. Nichts geht mehr, aber dieses Grün leuchtet weithin, mit der Begeisterung eines jugendlichen Sturms der Lebenskraft. Unter Schnee begraben, bei eisigen Temperaturen zum Boden geduckt, durchtauchen die Pflänzchen Monate, um dann unbeirrt weiterzuwachsen.



Ich liebe es, an solchen Äckern vorbeizugehen. Es beruhigt tief drinnen in mir. Entgegen des Mainstreamdenkens vom allzeitnotwendigen Wachstum breitet es eine Wahrheit aus, die von Zyklen zeugt. Wir Frauen erkennen dieses Geschehen vielleicht schneller wieder, betrifft es uns doch körperlich sehr direkt. Wir haben da eine innere Referenz, sozusagen. 

Rhythmen erkennen, aufgreifen und umsetzen - wenn mensch das schafft, entspannt sich das Leben. Ein bisschen mehr davon und ein bisschen weniger Zielen nachhecheln: So könnte der Winter richtig schön werden! 

Das schreibe ich mir hinter die Ohren und lasse es anklopfen. Wenn ich dort vorbeikomme, wo die Wintersaat steht, mit der Gewissheit für die richtige Zeit. Die Farbe ist schon da, alles andere findet sich.

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Lebenslauf - Alice Schwarzer in Wien

Erste Station auf der Lesereise für ihr neues Buch: Wien Hauptbücherei. So voll, dass viele nur über einen Bildschirm dabei sein können. 
Alice Schwarzer liest aus ihrer Autobiografie mit dem schlichten Titel *Lebenslauf*.
Ehrlich gesagt, ich habe kein Talent zum Groupie - nie gehabt - aber es gibt Menschen, die schlicht und einfach meine Hochachtung verdienen. Intelligenz, Mut, Durchhaltevermögen, Wortwitz und eine bewundernswerte Schlagfertigkeit können wohl auch diejenigen Schwarzer nicht absprechen, denen sie immer wieder in die Quere kommt.



Allein das, was bei der Lesung zu hören war, ist dazu angetan, ihr Buch uneingeschränkt zu empfehlen. Alice Schwarzer erzählt und liest aus ihrem Leben, viel Persönliches kommt zur Sprache und macht ihren Weg und Werdegang plastisch und nachvollziehbar. Dazwischen gibt es immer wieder Momente, wo ihre politische Seite sichtbar wird. Anliegen, die mit fortschreitendem Alter nicht weniger wichtig scheinen. Sie arbeitet immer noch mit großem Einsatz, ganz besonders auch für ihre "Sechslinge" EMMA. Seit 34 Jahren gibt es diese, von ihr gegründete Zeitschrift für die Emanzipation der Frau. Da schimmert doch ein wenig Stolz durch bei einer Frau, die so unprätentiös und natürlich mit ihren Erfolgen umgeht.



Die Begeisterung bei den mehrheitlich weiblichen ZuhörerInnen ist groß und Alice Schwarzer ist "ganz gerührt". Die Freude ist ganz unsererseits: Schön, sie einmal so hautnah erlebt zu haben!



Viel Inhaltliches ist sowieso in den Medien zu hören und zu sehen. Eines möchte ich jedoch hier vom gestrigen Abend aufgreifen: In einem der wenigen wirklich ernsten Momente ( Alice Schwarzer versteht es sehr schön, auch schwierige Geschichten mit einem abgeklärten Charme rüberzubringen), spricht sie darüber, dass schon im Jahr 1977 in EMMA erstmals der sexuelle Missbrauch von Kindern thematisiert worden war, damals ein absolutes Tabuthema. Wie außerordentlich wichtig und wegweisend das war, wissen wir heute. Auch andere Formen der Gewalt, die uns auch heute noch betreffen, kommen zur Sprache.

Dafür, dass sie nicht wegschaut und den unbequemen Weg geht, liebe ich sie.




Es gibt nur insgesamt 6 Termine auf dieser Lesereise. Schwarzer begründet das so: "Es soll ja Spaß machen und außerdem wartet schon die Arbeit für EMMA auf mich". Wer also die Gelegenheit nicht verpassen möchte, heute Abend in Graz, weiters in Köln, Zürich, Hamburg und München gibt es in Kürze Gelegenheit dazu. Hier, auf der Webseite von Alice Schwarzer findet ihr mehr Infos.

Montag, 3. Oktober 2011

Gar nichts zu meckern...


Was für ein Wochenende. Wir schreiben Oktober und erleben Sommer in der Stadt. An der Alten Donau in Wien scheint die Zeit still zu stehen. Kein ausgelassener sommerlicher Lärm, obwohl allerlei Boote auf dem Wasser gleiten. Jeder Blick dort hinaus vermittelt einen in Zeitlupenmodus abgespielten Film, in 3D, nur noch ein wenig wirklicher. Nein, es ist kein Traum, auch wenn derselbe Ruderer schon zum vierten Mal an uns vorüberzieht, nahezu lautlos. Um uns herum Stimmen, Gelächter, aber sachte, als könnte man allzuschnell erwachen und es ist plötzlich kalt und grau, wie so oft schon um diese Zeit in Wien. Goldener Herbst steht im Raum, es gibt gar nichts zu meckern (vielleicht ist ja der Wiener Missmut auf schiache Herbste zurückzuführen).


Wir bleiben. Dieser Sonntagnachmittag hat selten klare Luft im Abgang. Die Zeit steht doch nicht still, jetzt wird es deutlich. Zauber der blauen Stunde.
Und morgen scheint wieder die Sonne.






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