Sonntag, 26. September 2010

Kastanienzeit

In den vergangenen Tagen konnten wir der Illusion erliegen, der Sommer wäre doch noch nicht zu Ende. Vorausgesetzt man musste das Haus erst gegen den späten Vormittag verlassen, lockten Temperaturen jenseits der 20° sogar am Abend ins Freie. 
Ein wenig braun beginnen sich zwar die äußeren Ränder der Linden zu verfärben, aber das kommt in den besten Sommern schon viel früher vor. Von den Kastanienbäumen kennen wir ja die vorzeitige Verfärbung durch den Befall der Miniermotte.


Diese Woche aber stieß ich auf untrügliche Zeichen des Herbstes. Wenn einem die prallen, tiefbraunen, glänzenden Früchte der Kastanienbäume beim Spazierengehen auf den Kopf zu fallen drohen, dann gibt es kein zurück mehr. 




Es ist etwas Komisches mit diesen Kastanien. Sie überleben die höchsten Stürze vom Baum ohne alle Blessuren. Sie sind am schönsten in dem Moment, wenn sie einem vor die Füße rollen.Sie erziehen einem zum Verweilen im Augenblick. Nicht sofort, sondern nach unzähligen Versuchen, diese Schönheit zu retten, mitzunehmen und noch einige Tage zu genießen. 


Es gibt nichts auf der Welt, das sich schneller aus einem vollkommenen Zustand in Hässlichkeit verwandelt. Jede gerupfte Blüte behält noch nach Tagen in der Vase eine Erinnerung an ihren lebendigen Ausdruck. Auch wenn die Blütenblätter schon abgefallen sind, irgendetwas an ihnen gefällt mir trotzdem meist noch.
Kastanien verwandeln sich im Zeitraffer in stumpfe, formlose, graubraune Klumpen ohne Erbarmen.

Und trotzdem gehören sie zum Schönsten, was es im Herbst draußen zu sehen gibt.

Donnerstag, 23. September 2010

Diese drei!

Mein kleiner Gemüsegarten lief dieses Jahr sozusagen auf Sparflamme. Er hat sich eine kleine Leistungspause verdient. 

Halt, so ganz streng ging es dann doch nicht zu. Die Beete legten ein Veto ein. Wenn ich sie nicht betreute, würden sie sich einen Extravorrat Unkrautsamen zulegen, drohten sie mir. Na ja, herauskam, dass wir halbe halbe machten. 

Kräuter laugen Böden nicht aus. Drei verschiedene Basilikumarten dankten mit üppigem Wachstum, ohne dass ich die Gießkanne bemühen musste. Der August belieferte sie mit regelmäßigem Nass von oben.


Fisolen (gelbe Bohnen) durften auch ins Beet, sie sorgen ja über Wurzelknöllchen für eine Extraportion Stickstoff im Boden. Ganz ohne Paradeiser ging es dann doch nicht. Zwei Stauden mit Minifrüchten war ein Platz vergönnt. Sie wurden regelmäßig von Heerscharen an Nacktschnecken besucht, bis in die höchsten Spitzen krochen sie.
Nach einem Besuch beim Griechen fand sich unsere Lieblingssommerspeise 2010 aus eben diesen drei Zutaten wöchentlich auf unseren Tellern wieder. Bis dahin war es mir noch nie in den Sinn gekommen Fisolen mit Paradeisern zu kombinieren!


Gehackte Zwiebel, frisch gepflückte Basilikumzweige und von der Haut befreite grob gehackte Paradeiser in der Pfanne rösten und auf kleiner Flamme einreduzieren. Basilikum herausfischen. Das Aroma harmoniert wunderbar mit den extra kernigweich gedämpften Fisolen. Nun noch alles vorsichtig mischen, manchmal kam noch gerösteter Speck dazu. 


So einfach und so köstlich. Was so eine kleine Pause für das Gemüsebeet alles bewirken kann. Nächstes Jahr werde ich wohl nicht umhin können und wieder Fisolen anbauen. Butterzart, so fein aus dem eigenen Garten.

Mittwoch, 22. September 2010

Atempause


Zwei Tage im Jahr gibt es für jeden Ort auf der Erde Ausgleich, Balance. Die Tag- und Nachtgleichen machen uns zu einer großen Familie, in der alle in einem besonderen Moment verbunden sind.  Ein kurzer Nullpunkt, eine Stille, aus der die nächste Bewegung hervorgeht. 
Die Kräfte streben auseinander.  
Auf der einen Seite Ausdehnung, auf der anderen Seite Rückzug. 




Scheinbar Gegensätzliches ist verbunden durch Zyklen, an denen alle teilhaben.

Ich mag das Gefühl, ein Teil der großen Menschheitsfamilie zu sein, ein Puzzlestück von mehr als sechs Milliarden Teilen in diesem gigantisch großen, vielfältigen Erdenbild.


Jeder Teil gleich wertvoll für das Ganze Große? Manchmal schwer vorstellbar.
Weil wir nicht alle Zusammenhänge sehen und verstehen.
Ich stelle mir das so vor: Jeder Mensch kennt wenigstens einen anderen, den er liebt und mindestens einen anderen, der ihn liebt. Das Netz, das so entsteht läßt keinen über. Wir alle zusammen gleich wertig.

Die Bewegung, das Streben zur Blüte, das Streben zum Rückzug macht das Leben erst spannend.
Der Stillstand ist nur von kurzer Dauer. Die meiste Zeit macht Veränderung sich breit. Jeder Zyklus unterscheidet sich vom Vorhergehenden.


Einen Turm bauen, sich darüber freuen und ihn wieder zerstören macht schon den Kleinen so viel Spaß.

Die Lust, einen alten Zyklus zu verlassen und in einen neuen Zyklus hineinzugehen möchte ich wohl nie verlieren. Der Spruch " Es kommt nichts Besseres nach"  zählt jedenfalls für mich zu den dümmsten auf Erden.
Alles, was lebt ist in Veränderung.

Und das ist nicht nur auf den zweiten Blick eine kleine Freude.

Montag, 20. September 2010

Goldene Stunde

Die Zeit zwischen dem Sonnenuntergang und dem Verlöschen jeglichen Sonnenlichts hat das Privileg eines Namens bekommen. Die blaue Stunde mag ich eher in der Stadt als in freier Landschaft, dort entstehen interessante Mischungen von künstlichem Licht in allen Farben mit dem natürlich, bläulichen Hintergrundlicht jenseits der Häuser.

Eigentlich geht es hier aber um die Zeit davor.

          Sunset Point bei Keri, Zakynthos
 
Rätselhaft, dass die Zeit, bevor die Sonnenscheibe hinter den Horizont kippt, einfach nur Sonnenuntergang heißt. Die simple Beschreibung eines physikalischen Vorgangs, der Verliebte und Romantiker in Scharen an Sunset-Plätzen versammelt und für glückliche Gefühle sorgt.


Aber sachte, nicht so schnell, wir wollen diese Zeit erst Mal richtig genießen. 
Gerade noch ein Nachmittag, der so schön, den Eindruck vermittelte, er könnte ewig andauern. Keine Schatten kriechen daher, denn die Sonne steht über dem Meer und nichts trennt uns voneinander.



    Alle folgenden Bilder: Irgendwo in County Kerry, Irland

Es ist meine liebste Zeit am Tag, ich schrieb schon mal darüber. 

Eine herrliche Steigerung erlebe ich immer wieder in Irland. Dort pirscht sich die Sonne eine gefühlte Ewigkeit an den Horizont heran. Die abendliche Stimmung steigert sich sehr langsam und es regen sich leise Zweifel. Wird sich die goldene Scheibe gegen die Nacht entscheiden und durchstarten, wie ein Flugzeug, das noch keine Landeerlaubnis hat?




Das Lichtband über dem Meer läuft immer auf mich zu, egal, wohin ich mich bewege. Ist es das, was uns diesen Vorgang besonders am Meer so magisch erscheinen läßt? Die Sonne knüpft eine sichtbare Verbindung zu jedem, der sich ihr zuwendet. 

Ich sehe, also bin ich. 
Ich sehe es, also bin ich verbunden.

Irgendwie sind wir mit dem Licht verbunden, auch wenn wir es nicht immer sehen.
Wir erinnern uns. 
Einfach wunderschön.

Samstag, 18. September 2010

Regenwetter

Mein Blick fällt über den Bildschirm durch die Fensterscheibe auf Regentropfen, vermischt mit verwaschenem Grün. Keiner der letzten vergangenen  Sommer in unserer Gegend ließ die Farben in der Natur so leuchten und erlaubte den Wiesen eine ähnliche Saftigkeit britischer Güte.

Regenwetter bekommt meist ein dickes Minus verpasst, schön ist es, wenn die Sonne scheint. Hier bei uns stört mich die Feuchtigkeit von oben meist auch und doch beginnt sich langsam etwas zu verändern.


     alle Fotos: Belvedere House and Gardens, Mullingar, Irland

Zeit für eine Nase voll kühl-feuchter irischer Luft.

Zunächst wurde es mir bei einem meiner Besuche in Irland bewusst. Der Ehrlichkeit halber muss ich zugeben, dass Tage mit zehn Stunden Gießkannenregen nie meine Zustimmung bekommen werden. Warum aber, eigentlich? Nur weil frau sich dann eine Kapuze überziehen muss, wenn sie hinaus will? An dieser Einstellung mag ich wohl noch etwas drehen!





Aus der Türe tretend, gibt es zu jeder Jahreszeit nach einem Regenguss ganz bestimmte Gerüche und Düfte.  Mal weht eine Prise Stallgeruch von nebenan daher, mal der Duft von nassem Laub.
Am liebsten rieche ich den Buchs, wenn er nass geworden ist. Eine Kindheitserinnerung stellt sich dann sofort ein. Zwischen zwei damals für mich mannshohen Buchssträuchern in den hinteren Teil eines Gartens gelangen und ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer atmen. So wenig hat es gebraucht.

Nie sonst fühlt es sich so gut an, richtig tief einzuatmen, als nach einem kräftigen Regen und es ist dabei gleich, wo ich gerade bin.

Mittwoch, 15. September 2010

Abschiedsfreude

Zu meinen liebsten Blüten im herbstlichen Garten zählen die Dahlien. Ich genieße jeden Blick, besonders die orangefarbenen haben es mir angetan. 
Eine liebe Freundin hat mich vor einigen Jahren im Frühling mit den Knollen dieser Dahlie versorgt. Nachdem die Schnecken die ersten zarten Triebe verspeist hatten, aber später doch noch etwas zum Vorschein kam, startete die Pflanze erst im Herbst so richtig durch. Dafür wurden wir mit honigmelonengroßen Köpfen belohnt.


Dahlien vertragen nicht den leisesten Hauch von Frost, schon eine einmalige beißende Morgenluft im Oktober kann alles für den Rest des Herbstes zerstören. Vielleicht liegt sie mir auch deshalb am Herzen?
Ich selbst bin auch manchmal empfindlich und brauche Zeit, um etwas zu verdauen, was mich verletzt hat. 

So hoffe ich für den diesjährigen Herbst auf eine lange Saison. Noch stehen die großen Köpfe ohne Begleitung da, der Sonnenhut daneben ist verblüht, aber die Herbstastern konzentrieren sich schon auf die Vergrößerung ihrer Köpfe und werden bald ihr wunderschönes Violett zeigen.

Jetzt können die Schnecken dieser mächtigen Pracht nichts mehr anhaben. Wir können noch ein wenig der Illusion frönen, dass die Sonne die Blütenköpfe noch oft zum Strahlen bringen wird. 

Ein bisschen Nebel kann dieser Schönheit dann auch nicht wirklich schaden.

Dienstag, 14. September 2010

Caretta Caretta

Dieser Post ist meiner lieben Freundin Schildkrötenfrau gewidmet, sie hat mich dorthin gebracht. An mehreren Stellen im Mittelmeer legt die Meeresschildkröte Caretta Caretta ihre Eier ab. 

Hier,in der Bucht von Laganas auf Zakynthos kümmert sich der WWF mit großem Erfolg um den Schutz der vom Aussterben bedrohten Art, indem sie die Niststrände betreut und Einheimische wie Urlauber informiert. Es ist ein besonderes Erlebnis ganz in der Nähe der Nester Urlaub zu machen.
Die Caretta ist überall präsent, wenn man sich einmal auf sie eingestellt hat.


Der Blick von einer Bergspitze zur anderen in der hufeisenförmigen Bucht gibt eine schöne Sicht auf die steinerne Hüterin der Meeresschildkröten. Marathonissi, die kleine Insel im Vordergrund zeigt deutlich die Form einer solchen. Sie gibt den frischgeschlüpften Jungen die Richtung ins offene Meer  vor.


Die Caretta ist auf der Insel allgegenwärtig, in Form von touristischem Klim Bim, aber noch viel mehr trifft man auf den kreativen Ausdruck einer  Kommunikation mit ihr. Die Menschen lieben sie und hinterlassen Botschaften.


Manchmal hat man Glück und begegnet einer Lebendigen. In diesem Fall einer Baby Caretta auf dem Weg in ihr hoffentlich langes Leben.


Die ganze Bucht vibriert in der Feuer-Wasser Energie dieser imposanten Tiere, die erwachsen bis zu 120cm groß werden. Hat sich da eine im Stein versteckt und ihre Vorderflosse vergessen?


Die Muttertiere haben nach der Eiablage im Sand die Gegend bereits wieder verlassen. Ein Stück Schwemmholz erinnert noch an sie. Seht ihr den großen Kopf mit dem Auge? Dieses Stück gibt unmissverständlich zu verstehen, dass die Bucht in erster Linie den Carettas gehört, sie waren schon vor uns da und wir begegnen ihnen mit Respekt und Freude.  
Dank der Initiative der Tierschützer werden sie sicher noch lange in die Bucht von Laganas zurückkehren und für einen Fortbestand der Art sorgen.
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